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 Chiffren des Untergangs

Untergang als Chiffre

Vorbemerkung

Zu Beginn dieses Jahrhunderts beschwor Oswald Spengler tausendseitig den »Untergang des Abendlandes« Das Abendland hat diesen Abgesang bisher überlebt. Und dennoch ist es - an_ders als von Spengler prophezeit - »untergegangen« Es hat sich gezeigt, das der goldene Zug der Aufklärung allein nicht geschichtsmächtig ist, daß Kultur ein Volk nicht vor der Barbarei be_wahrt: In Auschwitz, Birkenau und Theresienstadt wurde Goethe rezi_tiert, spielten Orchester mit klassischen Melodi»n zu hundertausendfachem Mord auf. Und zigmillionenfachen Tod taten sich abendländische Kulturvölker gegenseitig an in den letzten beiden großen europäischen Kriegen.

Das Abendland existiert noch; aber es hat reichlich Untergang hervorgebracht in den letzten Jahrhunderten. Und immer wieder wird in unseren Gesellschaften die mörderische Vergangenheit fratzenhaft sichtbar. Das Archaische in uns, die Sucht nach handgreiflicher Klärung von Dissensen, die Neigung, den Gegner zu erledigen, bis aufs Blut, schläft nur leicht und wacht ebenso leicht wieder auf.

Inzwischen ist uns das Abendland zu klein geworden für unsere Untergangsphantasien. Wir beschwören den Untergang überhaupt und an sich, den Untergang der Menschheit zumindest, gar die Vernichtung allen Lebens auf der Erde.

Die Saurier sind nicht nur wegen ihrer Größe und absonderlichen Gestalt zu Helden unserer Phantasie geworden, sondern auch weil sie anscheinend mit einem Schlag durch eine irdische oder kosmische Katastrophe ausgelöscht wurden. Und es ist schon bemerkenswert mit welcher Lust in den Medien das kosmisch inszenierte Ende der Welt diskutiert wurde, als seinerzeit ein zerfallener Komet auf dem Jupiter einschlug.

Im allgemeinen aber begnügen wir uns mit Phantasien selbstgebastelten Untergangs: Mit atomarer Vernichtung, Ausweitung des Ozonlochs, ökologischer Katastrophe, sozialen bzw. weltweiten Verteilungskampfszenarios.

Zumindest an die Ameisen und Ratten sollten wir jedoch denken, wenn wir unserer selbstinzenierten Weltvernichtung huldigen; wenigstens die werden wohl eine zweite Chance bekommen. Für die Vernichtung der Welt sind wir ein wenig zu klein geraten.

Uns selbst hingegen, das sei zugegeben, sind wir durchaus feindlich gesonnen. Das beweisen wir Menschen nicht nur in den immer noch fortdauernden Kriegen überall auf der Welt. Das zeigen wir tatsächlich im ökologischen Bereich ebenso wie bei der Entwicklung so mancher neuen Technologie; und den Beweis unserer mörderischen Gesinnung treten wir nicht zuletzt auf den Straßen täglich von neuem an.

In den folgenden Anmerkungen sollen Untergangsbilder und -phantasien dargestellt werden. Es gilt dann, sie auf ihre Herkunft und ihre Redlichkeit hin zu befragen. Schließlich soll die Bedeutung bzw. die Funktion von Untergangsbildern für das Denken und Handeln einer Gesellschaft verdeutlicht werden. Und am Ende wird sich wohl die Frage stellen, jedenfalls für die, die sich Christen nennen, wie und ob sich solche Untergangsvisionen mit dem messianischen Einbruch des Gottesreiches zusammendenken lassen.

Auch in den Schriften der Bibel gibt es ja Untergang; der Verlust des Paradieses mag so verstanden worden sein; ganz sicher aber jenes Ereignis, das dem semantischen Gefälle des Wortes "Untergang".

 

1. Chiffren des Untergangs - Beispiele

Als Symbolhandlung, als provokante Rede oder einfach als Stimmung ist Untergang in den letzten 15 Jahren überreichlich vorhanden. Teils erweist sich das Handeln vom Untergang als Provokation des herrschenden Gesellschaftsteils durch Unterpivilegierte oder Außenseiter; teils ist es Reaktion auf Wahrnehmungen der eigenen politischen und privaten Handlungen.

a) Punk

Zu Beginn der 80er Jahre gewann unter deutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Bewegung - aus England importiert - an Bedeutung, die den Namen PUNK trug. Zur äußeren Darstellung gehörten etwa: Springerstiefel, zerfetzte Jeans und T-Shirts oder Pullover, Stachelhalsbänder von Hunden um Hals oder Füße gelegt, durch Nase, Ohren oder sonstige Hautstellen gestochene Sicherheitsnadeln, Ketten, ein mehr oder minder hoher und bunt eingefärbter sog. Irokesenschnitt - bei sonstiger Kahlschur sowie eine Ratte, die am Körper zu tragen war und die man möglichst mit Lebensmitteln aus dem eigenen Mund in aller Öffentlichkeit zu füttern hatte. Die Musik dieser Szene war (und ist) lautstark und möglichst wenig gekonnt (z.B. Sex Pistols); die dazugehörige Tanzform war der POGO, ein Tanz dessen Ziel es ist, daß am Ende möglichst alle durch Rempeleien zuBoden gegangen waren und sich mehr oder minder verletzt hatten. Das Szene-Getränk war vor allem Bier, zur Not auch Schnaps. Untereinander und bisweilen auch gegenüber anderen Jugendlichen-Gruppierungen (insbesondere YUPPIES) konnte es durchaus zu Rabiatheiten kommen, auch zur Einnahme von Finanzmitteln schreckte man vor Drohgebärden und selten Schlägen nicht zurück.

Während jedoch das Outfit der Punks, die ja eine Jugendbewegung sind, weitgehend noch als Verschreckungstreiben für die Erwachsenenwelt gelten konnte, zeigt die dahinter aufscheinende Ideologie andere Züge: Zentrale Aussage der Bewegung war das - später zum Schlagwort gewordene - »No Future« zu jener Zeit als Graffito an Hauswänden allge_genwärtig. Was später zur Beschreibung der Befürchtungen eines größeren Teils der Ge_samtgesellschaft werden sollte, war zunächst nur Ausdruck der eigenen Zukunftsper_spektive für sich selbst und die Gruppe» Und das Erstaunliche daran war eben, daß in diesem »No FutureFestzustellen ist auch, daß es fast ebensoviele weibliche wie männliche Punks gab und gibt. Auch darin unterscheiden sich die Punks von den Skins, zu denen sich fast ausschließlich männliche Jugendliche und junge Erwachsene zählen.

Neben den Punks im engeren Sinn des Wortes, die aus der Unterschicht kamen, in Deutschland zum Teil aus Heimen, fanden zu dieser Bewegung schon bald Jugendliche aus der Mittelschicht, sogar aus der gehobenen Mittelschicht, vor allem aus den Gymnasien und Realschulen. Diese Jugendlichen betätigten sich als Teilzeit- bzw. Wochenendpunks. Damit wird Punk zu einer für diese Gesellschaft exemplarischen »Untergangsbewegung«

Diese Jugendlichen aus Gymnasien oder Realschulen waren zum Teil zumindest wohlversorgt. Zumindest finanziell litten sie keinen Mangel. Das Wochenend-Outfit ließ sie hingegen einer Gruppierung zugehörig erscheinen, die den Erwachsenen Grusel erregte und die Geschäftsleute in den Fußgängerzonen zittern machte. Denn die Ladendiebstähle - insbesondere von alkoholischen Getränken - häuften sich, da es für jede Sorte Punk eine Ehre ist nicht zu bezahlen.

Exemplarisch für gesellschaftliche "Untergangsstimmungen" sind jene No-Future«Sprüche, die aus der Saturiertheit und der Abenteuerlosigkeit ihres Alltagslebens resultierten und die von ihnen vertretene theorielose Lebensanarchie schließlich konsequenzlos blieb.»So sind jene Jugendliche inzwischen auch wieder aus der Szene verschwunden. Übrig geblieben sind die wirklichen Outlaws, jene die wirklich keine Zukunft haben. Aber die werden inzwischen behandelt wie Obdachlose und haben ihre Attraktivität verloren.

Das zeigt wenigstens ansastzweise, daß für jene anderen Jugendlichen Punk samt allen Begleiterscheinungen eine Art Konsumartikel war, der schon nach wenigen Monaten oder Jahren durch einen neuen ersetzt werden mußte.

b) Die Beobachter des Hochwassers

Als 1993 der Rhein mit seinem »Jahrhunderthochwasser" das Land heimsuchte, hat sich ebenfalls jener lsutvolle Schrecken vorm Untergang der Menschen bemächtigt, dessen man mit Wein und Sekt Herr zu werden versuchte. Immer wieder gab es Beifall, wenn sich das Wasser als stärker erwiesen und Sandsacksperren durchbrochen hatte.

Nichts anderes als die Lust am Untergang war hier zu spüren, allerdings auch diesmal wieder aus der Perspektive der Nicht-Betroffenen. Schaulust ist Untergangslust, und sie wird verkostet selbst bei Gefahr für das eigene Leben, wie die Autobahnstaus auf der Gegenfahrbahn bei schweren Unfällen zeigen.

Die wirklich Geschädigten dürften wohl kaum Lust gefühlt haben beim Untergang ihrer Habe. Und die unmittelbar Betroffenen bei Unfällen empfinden allenfalls Schmerz.

 

c) Angst vorm Untergang: Friedensbewegung

 

Deutschland, Deutschland über Dallas
als Asche und Rauch
Im Falle eines Falles
klebt Uhu Deutschland auch

Anonym, Flugblatt 1982

Die im Gefolge des Nato-Aufrüstungsbeschlusses sich etablierende Friedensbewegung brachte Anfang der 80er Jahre Millionen Menschen auf die Straßen. Während ein Teil der Jugendlichen zu jener Zeit Punk entdeckte, engagierten sich Studenten und Hausfrauen, Lehrerinnen und Schauspieler in der Friedensbewegung. Für die Beteiligten an diesen Demonstrationen, Sitzblockaden und Menschenketten stellte sich eine fast religiöse Atmosphäre des Miteinanders und der ethischen Herausgehobenheit her. Die Stimmung schwankte zwischen religiöser Inbrunst und zynischem Kalauer hin und her (s. Text oben). Dabei läßt sich feststellen, daß Zynismus in der politischen Diskussion immer dann in besonderem Maße auftritt, wenn Ohnmachtsgefühle überhand nehmen.

Sprachliche Ausdrucksformen der Friedensbewegung waren neben kabarettistischen Einlagen vor allem die Lieder der amerikanischen Schwarzenbewegung, aber auch Choräle aus dem evangelischen Gesangbuch.

Das Motiv des Engagements war bei den Beteiligten, insbesondere bei denen, die sich unter Einsatz erheblicher finanzieller Mittel und bei Gefahr der eigenen körperlichen Beschädigung engagierten, die Angst vor dem Untergang durch atomare Waffen. In der Benennung »Atomarer Holocaust« die damals allgegenwärtig war, zeigt sich allerdings bereits ein erstes Problem dieser Bewegung.

Angeheizt durch die vollkommen funktionalistisch orientierte Schmidt-Regierung und durch sentimentale Großsprecher wie etwa Dietmar Schönherr entstand insbesondere bei den Mitläuferinnen und Mitläufern der Bewegung ein Angstpotential, das alle andern Gefahren der Welt aus dem Blick verschwinden ließ.

 

Als jemand der selbst an der Friedensbewegung Anteil genommen, mitdemonstriert, Podiumsdiskussionen organisiert, Unterschriftenaktionen entworfen und mitgetragen hat, darf ich sagen, daß für viele der Angstschauer, der zudem noch in Gemeinschaft erlebt wurde, durchaus die Züge einer quasi-religiösen Ergriffenheit trug. In den Raketen erschien etwas Numinoses mit seinem Tremendum, das viele Menschen von einer Demonstration mit leuchtenden Augen heimkehren ließ.

 

So ist es nicht weiter verwunderlich, daß viele Menschen, die zuerst in der Friedensbewegung dabei gewesen sind, nach deren Abklingen sich an der New-Age-Bewegung beteiligte, trägt doch auch diese apokalyptische oder besser millenaristische Züge - mit einem höheren Maß an Optimismus allerdings, als es die Friedensbewegung an sich hatte.

 

Daß auch in großen Teilen der Friedensbewegung Lust am Untergang eine zentrale Rolle spielte, zeigt sich nicht zuletzt daran, daß vielen Friedensbewegten die realen Zerstörungen und Morde in der sogenannten Dritten Welt keineswegs nahe gingen. Eine Verbindung von Frieden, Gerechtigkeit und Ökologie gab es allenfalls in Teilen der kirchlich verorteten Friedensbewegung, vor allem auf evangelischer Seite.

 

Hier wird deutlich, daß die aus der Angst vor Untergang geborene Bewegung vielfach zuerst eine Art Privatreligion war und keineswegs die Befreiung der Menschen insgesamt zum Ziele hatte. Große Teile der Friedensbewegung waren in ihrem Wesen unpolitisch, weil sie sich aus dem Negativen speisten und ohne konkrete Utopie politisch konsequenzlos blieben. All die damals entwickelten passiven Widerstands- und Verteidigungsstrategien waren wirkungslos für die weitere politische Diskussion, die schon bald wieder den Politik-Profis überlassen wurde.

Daran auch zeigt sich, daß die damals artikulierten Untergangsvisionen bei vielen Beteiligten eher die Feier der Bewegung zum Ziele hatten, als daß weitreichende politische Ziele intendiert gewesen wären. Auch hier, mindestens in weiten Teilen: Lust am Untergang als Steigerung der Lebensintensität.

 

 

d) Fünf nach Zwölf

 

Wo immer die Propheten des Untergangs sich verlautbaren, behaupten sie, es sei Fünf vor Zwölf oder Fünf nach Zwölf. Niemand behauptet, jetzt, in diesem Augenblick, sei es gerade Zwölf Uhr.

Verständlich sind die Mahner der FünfvorZwölf-Kategorie. Sie wollen aufrütteln, nutzen die Visionen der bevorstehenden ökologischen oder Nord-Süd-Katastrophe, um Korrekturen des politischen Handelns einzufordern, um die Entwicklungspolitik zu verändern etc. Lange Zeit haben viele von ihnen eine konkrete Utopie z.B. vom »ökologischen Umbau der Gesellschaft" mitgetragen. Indem sie jedoch nichts als ihren moralischen Zeigefinger entblößen und damit das Gespräch verweigern, werden sie diskursunfähig und taugen damit allenfalls noch zur Erzeugung eines schlechten Gewissens bei anderen oder zur Stärkung der eigenen ethischen Integritätsaura - um den Preis der Konsequenzlosigkeit. Theologisch gesprochen ließe sich sagen: Eschatologie verkommt zur blinden Geschichte.

Anders steht es mit den Rufern der FünfnachZwölf-Drohung. Breite Teile der Ökobewegung scheinen sich diesen Rufern angeschlossen zu haben. Offensichtlich handelt es sich hier um eine negative Variante der christlichen Schon-und-Noch-nicht-Erlösungsverkündigung, um eine Art negativen Messianismus also.

Hier wird politisches Handeln indes vollends storniert, weil es eben zu spät ist. Es bleibt nichts anderes zu tun, als den schon eintretenden Untergang allen Lebens abzuwarten. Allenfalls läßt sich das persönliche Ende noch ein wenig hinausschieben; und so schmeckt mit einer solchen Vision vor Augen das biodynamisch erzeugte Schnitzel nochmal so gut.

Es bleibt die Frage, warum niemand behauptet, eben jetzt, in diesem Augenblick sei es gerade Zwölf Uhr, sowohl in bezug auf unsere natürliche Umwelt wie auch im Blick auf die Problematik der Einen Welt.

Wer solches verkünden würde, müßte daran gehen, den eintretenden Untergang sehr exakt ausfindig zu machen und nachzuweisen. Es wäre also notwendig, im Leben der einzelnen wie der Gesellschaften, Konkretionen des Untergangs zu benennen. Und es wäre unumgänglich, in einem alles fordernden Kampf sich gegen die Uhrzeiger zu stemmen.

Die Wahrnehmung realen Untergangs ist jedoch wenig publicityträchtig. Wirklich untergehen möchte natürlich niemand; und den Geruch des Untergangs im eigenen Leben zu spüren, ließe die Verkünder des Untergangs leicht als dessen Verursacher erscheinen. Die Propheten des Alten Testamentes wissen davon ein Lied zu singen.

Angenehm gruselig sind nur Visionen des Untergangs. Ihnen läßt sich auf metaphorischer Ebene begegnen, sie sind mit neomythologischen Mitteln bekämpfbar, gleichgültig ob diese nun Witchcraft, Esoterik oder Ufoismus heißen.

 

e) Occult und Black Metal, Fascho-Rock und Oi-Musik

Nach Punk und Pogo ist seit etwa 10 Jahren Neues in der Jugendszene zu beobachten: Aus dem Bereich des Heavy Metal, einer Musikrichtung des Hard Rock, entwickelten sich u.a. die Formen des Occult und Black Metal.

Zuächst waren beide Formen durchaus als Widerstandsmusik zu verstehen. Die Gruppe »Sepulturarrorgestalten wurden als Verwandte verstanden, Show-Rituale quasireligiöser Art etablierten sich bei den Konzerten.

Auch hier gibt es eine ähnliche Entwicklung wie seinerzeit beim Punk. So blieb es nicht aus, daß sich die satanistische Sparte des Heavy Metal von einer ehemals linken gesellschaftskritischen Position - allerdings ohne differenziertes theoretisches Potential - wenigstens teilweise zu einer Fascho-Black-Metal-Szene entwickelte. Insbesodere aus Skandinavien kommen dabei geradezu mörderische Varianten dieser Musik, die Rassenhaß, Ariertum und den Endkampf des weißen Mannes verkünden. Erste Tote innerhalb der Szene selbst sind längst in den Medien vorgezeigt worden.

Die Oi-Musik der Skins ist dagegen Kampfmusik, geht allerdings langsam zugunsten des oben beschriebenen Fascho-Rock zurück, da dieser die mythischen Bedürfnisse befriedigt und nicht bloßes Kampflied ist.

In der Entwicklung der Black-Metal-Musik zum Fascho-Rock wird deutlich, daß die Verkündigung von Untergang durchaus nicht politisch ungefährlich ist. Offensichtlich besteht die Gefahr, daß angesichts anhaltender Untergangsstimmung Sündenbockmechanismen auftauchen und fast archaische Sentimentalität sich Bahn bricht: Auserwählung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe/Rasse mit der Folge der etikettierten Wertlosigkeit der anderen Menschen. Der Schritt bis zur Schädigung und Ermordung dieser Menschen ist dann, wie die allerjüngste Vergangenheit gezeigt hat, nicht mehr groß.

 

e) Zusammenfassung

Die bürgerlich evozierten Chiffren des Untergangs zeigen sich in weiten Teilen als Ausdruck von Ohnmacht, diffuser Angst vor Zukunft mit gleichzeitig handlungsstornierender Wirkung. Dabei besteht jedoch durchaus die Gefahr, daß aus dieser Chiffrierung sich Fundamentalismen entwickeln, die auf mythisch-metaphorischer Ebene Rettung bringen wollen. An der Stelle, da diese Fundamentalismen auf die Realität durchschlagen besteht die Gefahr rechtsradikalen bis faschistischen Terorismus', der sich aus der Empfindung von Zukunftslosigkeit speist und zugleich in den Terrorakten selbst die psycho- bzw. soziohygienische Zurückweisung dieser Zukunftslosigkeit ist. Der Sündenbockmechnismus als ursprünglich archaische und überwunden geglaubte Form sozialer Stabilisierung und Hygiene feiert dabei schreckliche Urständ.

 

2. Chiffren des Untergangs: Mythos und Religion

a) Kassandra und Jona

Beide Gestalten sind literarische Erfindungen. Beide haben mit der Verkündigung des Untergangs zu tun. Und doch unterscheiden sich beide in wichtiger Weise, nicht bloß aufgrund ihres Mann- oder Frauseins, nicht bloß aufgrund ihrer Herkunft aus der griechischen oder jüdischen Mythologie oder Religionsschreibung.

In den beiden erscheinen zwei Archetypen der Untergangsprophetie:

Kassandra, Tochter des Priamos von Troja, Schwester des Paris ist Seherin. Sie ist allerdings ausschließlich Seherin des Untergangs. Nichts Heilsames ist an ihr. Und sie selbst fürchtet sich mehr noch als ihre Umgebung vor ihren Gesichten. Sie sagt den Untergang Trojas voraus, der damit besiegelt ist. Als Sklavin Agamemnons sagt sie dessen Tod voraus und weiß um ihren eigenen Tod von der Hand der Klytämnestra. Sie steht für jenen Typ der Untergangsprophetie, der nicht auf Änderung hinarbeiten kann, weil er nicht gehört wird, obgleich alle wissen, daß seine Aussage unausweichlich eintrifft.

Die Angst der Seherin vor ihren eigenen Gesichten hat zweierlei Ursache: Zum einen ist es die Furcht vor dem Untergang selbst. Zum andern ist es die Furcht davor, daß sie als die Ursache des Untergangs ausgemacht wird, weil ihre Sätze eben nicht nur voraussagende sondern magisch realisierende Kraft haben.

Theoretisch hätte Troja gerettet werden können, wenn man Kassandras Warnung vor dem »trojanischen Pferd nur geglaubt hätte.Unter den gegenwärtigen Sehern des Untergangs finden sich in dieser Kategorie vor allem jene, die schlicht analysieren, was ist, die Verkünder des FünfnachZwölf. Wie Kassandras Warnung bleibt auch ihre Analyse politisch konsequenzlos.

Jona, der Verkünder von Ninives Ende, hat tendenziell eine andere Aufgabe. Bei Jona hat die Verkündigung drohenden Untergangs politische und ethische Konsequenzen. Die Bewohner von Ninive ändern ihre Lebensform und werden gerettet. Gleichzeitig erscheint der Prophet in diesem Zusammenhang als Möchte-gern-Kassandra. Er versteht nicht, daß der von ihm verkündete Untergang Ninives nicht eintritt. In der Jona-Geschichte zeigt sich deutlich eine Entwicklung von einem mythischen zu einem geschichtlich-dynamischen Weltverstehen: Menschliches Handeln ist nicht blindem Schicksal unterworfen, das sich vollzieht; Menschen haben offenbar weit mehr Möglichkeiten, als sie selbst glauben, ihr Geschick selbst zu bestimmen und Rettung zu erlangen. Im Grunde ist Jona ein fundamentalistischer Fanatiker, der mit Gottes Hilfe das differenzierte Denken lernt.

Auch Jona ist unter den heutigen Untergangspropheten zu finden. Vielleicht gehörte Robert Jungk dazu, dessen Untergangsprophezeiungen - gerade im Umfeld der Atomtechnologie - sich zwar leider in Tschernobyl im Ansatz bewahrheitete, der aber mit seinen politischen Seminaren und Zukunftswerkstätten helfen wollte, Strategien zu entwickeln, die den Untergang verhindern - und zwar nicht mit den Mitteln fundamentalistischer Panikmache, sondern auf dem Weg demokratisch-diskursiver Kommunikationsformen.

Es gibt Unterschiede zu Jonas Zeiten: Es scheint, daß heute die Hörer der Warnungen und Analysen taubere Ohren haben. Es scheint, als habe der Untergang seinen Schrecken verloren, weil er zu häufig und zu spielfilmartig verkündet wird. Und es scheint, als stehe mythologisches Denken heute höher in Kurs als aufgeklärtes Verstehen von Geschichte als menschlichem Handlungsgefüge.

 

b) Atlantis und Apokalypse

Atlantis ist ein platonischer Mythos, der vielleicht tiefere Wurzeln hat. Andere, spätere griechische Schriftsteller bestätigen die Überlieferung: Ein Land, vor den Säulen des Herakles gelegen (also vermutlich im heutigen Atlantik, der davon und vom mythischen König von Atlantis Atlas seinen Namen hat), mit geradezu paradisischen Zuständen, eine Art Utopia, wie es Thomas Morus später beschreiben wird. (Platon, Timaios u. Kritias). Es herrschte Recht und Gerechtigkeit in jenem Land, Kultur und Wissenschaft standen in hoher Blüte.

Dann aber maßten sich die Atlanter an, die Weltherrschaft erringen zu wollen. Sie schickten Heere aus und eroberten den gesamten Mittelmeerraum, bis ihnen die Heere Athens, bzw. eines Staates, der dort lag, wo das spätere Athen errichtet wurde, den Untergang bereiteten. Wenig später ging Atlantis in einer geradezu kosmischen Katastrophe unter. Während nun die Atlanter vollends vernichtet wurden, entstand aufgrund der enormen Flutwelle durch den Untergang von Atlantis im Mittelmeerraum ein Kulturbruch, der die Erinnerung an Atlantis in Vergessenheit geraten ließ.

Platon selbst läßt Solon, den Berichterstatter, eine Verbindung ziehen zur Sintflut, d.h. in der griechischen Mythologie zu Deukalion und Pyrrha.

Für Platon folgen aus dieser Geschichte politische und ethische Konsequenzen. Zugleich macht er deutlich, daß die Erinnerung des Untergangs heilsam sein kann für die weitere Geschichte. Der Ursprung der gegenwärtigen Kultur ist Untergang, lautet die später herausdestillierte Deutung der Atlantis-Sage. Und die gegenwärtige Kultur hat den großen Auftrag weiteren Untergang zu verhindern.

Die Geschichte des Erinnerungs- und Kulturbruchs ist allerdings weitgehend selbst in Vergessenheit geraten. Und so hat die Untergangsvision von Atlantis mit heutiger Lust am Untergang nicht das Geringste zu tun.

 

Apoklaypse ist der Name einer ganzen Literaturgattung jüdischer und christlicher Schriften. Im abendländischen Kontext bekannt geworden ist jedoch vor allem die Apokalypse des Johannes, das letzte und bilderreichste Buch des Neuen Testamentes.

Wichtig für die gegenwärtige Bedeutung des Begriffes »Apokalypse Dürerzeit. In diesen bildnerischen Gestaltungen nehmen die Plagen, die sprichwörtlich gewordenen apokalyptischen Reiter etwa, den Raum ein. Die Darstellung von Rettung und Erlösung ist eher peripher. Obwohl also die Apokalypse selbst Rettung verkündigt, gilt der Begriff Apokalypse heute als zentrales Bild für Untergang und Vernichtung - in irdischer wie in kosmischer Dimension. Auch ein Film wie »Apocalypse now« eine filmische Auseinanderset_zung mit dem Vietnamkrieg der Amerikaner, nimmt eben nur das Katastrophale der Apokalypse in den Blick.»Es ist dialektisch gesehen nicht weiter verwunderlich, daß vor dem Hintergrund einer allgemein hoffnungsvollen Sicht der Geschichte unter dem Akzent winkender Erlösung und endzeitlicher Errettung ein Katastrophenbild von Geschichte sich ebenso etablieren konnte, wie in den Herzen die Hoffnung lebt, daß der Fortschritt das letzte Wort sei. Und es ist auch nicht verwunderlich daß geschichtlich sich Phasen des Fortschrittoptimismus' mit pessimistischen Phasen abwechseln. Historisch gesehen hat jedoch die Engführung apokalyptischer Sprache und Bildwelt ihren Ort in den Endlichkeitserfahrung der Menschen zu Beginn der frühen Neuzeit und insbesondere während der nachfolgenden Kriege und Pestzeiten, vor allem im Reflex auf den dreißigjährigen Krieg, der weite Teile Deutschlands entvölkerte.

Die Holzschnitte Dürers jedenfalls, im 16. Jahrhundert entstanden, sind alles andere als erlösungsfroh. Sie mahnen den Menschen an seine Begrenztheit und verweisen auf die Geschichte als auf einen unerlösten Menschheitskampf.

c) Zusammenfassung

Jona und Kassandra, Atlantis und Apokalypse haben signifikant mit Untergang zu tun. Während jedoch im griechischen Denkraum sich Untergang als Auseinandersetzung mit schicksalhaftem Gang der Geschichte und Hybris-Vorstellungen verbindet, zeigt sich im jüdisch-christlichen Kontext eine Überwindung sowohl des blinden Geschichtsautomatismus wie auch ein Hoffen auf die endgültige Rettung durch einen menschenfreundlichen Gott.

Als Geschichtsdeutungsmuster hat offensichtlich jedoch das Katastrophische sein Recht behalten. Und in den neuzeitlichen Nachaufklärungsdeutungen hat die Untergangsmetaphorik allein ihr Recht behauptet. Die Erlösungsvorstellungen, die sich im biblisch-apokalyptischen Kontext äußern, sind umgeschlagen in ein Fortschrittsdenken, das sich so blind geriert, daß ein ebenso blindes Untergangsdenken seine Kehrseite darstellt.

 

3. Untergang als Chiffre

                          Es ist nicht schwer zu erkennen, daß Unlust- und Angstträume ... ebensosehr Wunscherfüllungen sind wie die glatten Befriedigungsträume

                          Siegmund Freud

Bereits in der Gesellschaftskritik der Kritischen Theorie schwingt latent ein aus der Zeit geborener Pessimismus mit, der heute in der sogenannten Postmoderne seinen Höhepunkt zu erreichen scheint.

Zu fragen ist jedenfalls, wofür die allgegenwärte Chiffre des Untergangs steht, was sie selbst chiffriert und damit zum Rätsel macht. Hinweise gibt es einige:

a) Sehnsucht nach dem Mythos

Daß Geschichte eben nicht ein Selbstläufer ist, sondern gemacht wird, scheint sich als eine Überforderung für eine sich fragmentierende Menschen zu erweisen. In Zeiten geschlossener Gesellschaftssysteme gab es eine Art kollektiven Handelns, das auch eine kollektive Erfahrung von Geschichte freisetzte. Da nun aber die Individualisierung voranschreitet, ist der einzelne mit seinem Schicksal allein und weiß nicht mehr, welche Bündnisse sich schließen ließen, damit Sinn aus dem Leben aufscheine.

So fliegt der Blick zurück in archaische Zeiten und sucht in der guten alten Zeit eine Perspektive für die eigene Geschichte. Kein Wunder, daß Denken schlecht angesehen ist. Es trägt zur Vereinzelung ja nur mehr bei. Das Platzen kollektiver Weltbilder macht es anscheinend unumgänglich, Rettung bei alten kollektiven Weltbildern zu suchen. Die kommen allerdings in neuem Gewand daher, sind sozusagen Übersetzung alter Mythen.

Gerade die FünfnachZwölf-Untergangsstimmung zeigt das Gesicht einer mythsichen Sichtweise von Geschichte: Die Götter, die wir in diesem Fall allerdings selbst waren, haben den Untergang der Menschen beschlossen. Und also tritt er ein.

Untergang steht an dieser Stelle für die Entmächtigung des Menschen, ist Chiffre für für seine politischen Ohnmachtsempfindungen angesichts einer Komplexität, die sich nur noch durch Vernichtung reduzieren läßt.

Angesichts der Schicksalslosigkeit des einzelnen Menschen, dessen Leben als kalkulierbar und statistisch erfaßbar erscheint, gewinnt die Teilhabe an der Zeit der Katastrophe geradezu numinos-phantastische Kraft und löst die glaubend Betroffenen aus der anonymen Masse schleimig und bedeutungslos sich hinschleppender Geschlechter.

 

b) Die Exilierung des Todes

Da der Tod immer mehr aus dem Leben der Gesellschaft verschwindet und in Krankenhäuser, Altersheime und Sterbehospize verbannt wird, da der eigene Tod immer mehr als eine Art Unmöglichkeit erscheint und dennoch das Wissen um die eigene Endlichkeit nicht erloschen ist, weitet dieser Tod sich aus zu einem kollektiven Begehren nach Ende - nicht in der Wirklichkeit, sondern als soziales und psychisches Trauma.

Untergang wird hier zur Chiffre einer individuell nicht anerkannten Endlichkeit. Wo allerdings Menschen ihre eigene Begrenztheit nicht sehen und sich quasi göttliche Unendlichkeit zuschreiben, sucht sich das Wissen um Endlichkeit einen neuen Weg und verbreitert sich auf die Menschheit hin. Untergangsvissionen mit ihrer numinosen Qualität des Tremendum gewinnen in dem Zusammenhang auch die andere Seite des Numinosen: Das Faszinosum. Und so entsteht eine neue Art der Religion: Der Glaube an den Untergang.

Untergang ist in diesem Sinne nicht anderes als Chiffre, eine kosmisch ausgeweitete Metapher der eigenen Endlichkeit. Die Integration des Todes und der Toten in die eigene Geschichte könnte indes hilfreich sein, die kollektiven Untergangsphantasien zu verscheuchen und angesichts der erfahrenen eigenen Endlichkeit zu entdecken, daß in diesem kurzen Leben einiges auf dem Spiel steht und Handeln nicht nur angebracht sondern auch sinnvoll und sinnstiftend ist.

 

c) Untergang als Sinnstiftung

Wie bereits im Kontext der Frage nach der Schicksalslosigkeit des einzelnen Menschen angedeutet, ist die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens durchaus offen. Da gemeinsame Weltbilder eher selten sind und sich beschränken auf die Mitglieder religiöser oder parareligiöser Gemeinschaften, bleibt für den großen Rest nichts anderes als andere Formen der Sinnstiftung anzugehen.

»Was uns unbedingt angeht« ist aber wenig in dieser Gesellschaft. Fast alles hat seine Be_liebigkeit. Das einzige, was sich nicht beliebig und nicht entscheidbar, also unabhängig von des einzelnen Urteil und Anspruch zu sein scheint, ist der vielverkündete und be_schworene Unterg»ng der Welt, des Lebens, der Kultur, der Menschheit. Wenn Sinngebung heißt, eine Bewältigung von Kontingenzen zu erreichen und zugleich eine Perspektive für zukünftige Lebensteile herzustellen, dann allerdings bietet ein sich selbst produzierender Untergang, besser eine Vission davon, eine Folie, vor der die eigene Perspektivlosigkeit und Fragmentarität nur folgerichtig erscheint. Und also bietet sich die Katastrophe als Beschreibung der eigenen Fragmentierungserfahrungen durchaus an. Nur so läßt sich wohl erklären, daß nach genossener Apokalyptikdarstellung das Essen besonders gut schmeckt.

 

d) Der Untergang und das schlechte Gewissen

Erstaunlich ist, daß die Unterganmgsvisionen keineswegs weltweit verbreitet sind. In Lateinamerika findet sich entweder eine kämpferische Offenheit für bessere Zukunft oder auch das ausbeuterische Amusement der Herrschenden. Die einen leben schlecht, die andern gut, aber beide Seiten wollen von katastrophischem Untergang nichts wissen.

Im europäischen und teilweise auch im nordamerikanischen Kontext hat sich seit mehr als zehn Jahren aber das Wissen verbreitet, daß wir in irgendeiner, eher anonymen und überindividuellen Weise an den Schlächterein, der Ausbeutung und Zerstörung der sogenannten Dritten Welt beteiligt sind. Dieses Bewußtsein, daß im Wachzustand abgeblockt, bei Aufklärungsveranstaltungen zugedeckt wird, scheint heimlich dennoch seinen Weg in die Öffentlichkeit zu finden als schlechtes Gewissen. Es stellt sich zumindest die Frage, ob in einer Gesellschaft, in der der einzelne den Zusammenhang von Taten mit Strafe oder Belohnung mit der Muttermilch geliefert bekommt, dieses System von Belohnung und Strafe nicht auch kollektiv funktioniert.

Gleiches gilt übrigens auch für die ökologie. Alle wissen, daß wir über unsere Verhältnisse leben, daß es so nicht weiter gehen kann. Und kaum jemand ändert sein Verhalten, kaum jemand fordert eine Politik der Zurückhaltung etc. Kein Wunder, wenn die Befürchtungen des Untergangs sich mehren.

Obwohl Ethik heute nicht mehr in der überlieferten Weise funktioniert - pure moralische Kategorien werden immer weniger handlungsbestimmend - scheinen sich Relikte des alten Tat-Strafen-Zusammenhanges kollektiv zu äußern.

Zu fragen wäre also in diesem Zusammenhang, ob kollektive Untergangsvisionen, die auch noch mit einiger Lust zelbriert werden, nicht gerade jenen Bereich anrühren: Sind sie vielleicht auch eine Erinnerung an die eigene Strafwürdigkeit. Und haben sie im archaischen Sinne vielleicht so etwas wie präemptive Hybrisverfolgung im Sinn?

 

e) Untergang als Klage und Kritk

Schon in den Psalmen der Bibel schlug Leid oft in Klage und Anklage um. Angesichts der Diffusität heuter Realität sind die Adressaten der Klage häufig verloren gegangen. In vielen der Untergangsgesänge, die sich in der Lyrik z.B. finden, scheint plötzlich die Wendung zur Veränderung auf. Diese prophetische Form des Untergangsdenkens scheint zwar auf den ersten Blick nur die allgemeine Untergangsstimmung zu verstärken, ihr aber sollte ein besonderes Augenmerk gelten. Jona muß wieder inkraft gesetzt werden. Und Kassandras Analysen dürfen nicht länger folgenlos bleiben.

So gilt es sehr wohl zu unterscheiden zwischen der konsequenzlosen Larmoyanz professioneller Untergangsvisionäre und der daraus sich entwickelnden gesellschaftlichen Stimmungslage zum Untergang hin und der Analyse eines Untergangs als Klage, die Konsequenz einfordert - nicht nur fürs eigene Ich, sondern sozial, ökologisch und weltweit verantwortet.

Klage kann zum ersten Schritt des Neuen werden, wenn die Perspektive gelingenden Lebens sich darin erweist.

 

f) Zusammenfassung

Der Untergang als Chiffre hat in der Selbst- und Weltdeutung der Menschen in dieser Gesellschaft quasi religiöse Funktion. Er dient sinnstiftend, schuldartikulierend und schließlich auch zur Klage über die eigenen Leid- und Schulderfahrungen. Er ist tatsächlich eine der Hoffnung diametral entgegengesetzte Kraft, die sich aus dem Verlust kollektiver Erlösungsvorstellungen herleitet. Die Untergangsvisionen sind zugleich eine Chiffre für den Unglauben an den Fortschrittsoptimismus, allerdings sind sie in ihrer mythisch-metaphorischen Sprechweise hilflos und politikunfähig. Allenfalls dort, wo ihre klägerische Komponente in den Vordergrund gerückt wird, steht die Suche nach Veränderung und Zukunft noch an. Dort mag sich vielleicht die Untergangsvision mit der Perspektive der Errettung verbinden.

 

4. Untergang als Anfrage an christliche Weltbeschreibung und Lebensform

Es ist schon merkwürdig, daß die christlichen Großkirchen sich immer erst dann rühren, wenn anscheinende Konkurrenzunternehmen in Sachen Sinngebung und Erlösung auftauchen.

Als die Punks die Straßen bevölkerten und sehnsüchtig ihr »No Future" brüllten, gab es seitens der Weltanschauungsgemeinschaften kaum eine Reaktion . Als aber die New-Age-gemeinde sich bemerkbar machte, wurden die Weltanschauungsbeauftragten der Kirchen in Bewegung gesetzt, um ihre Verdammungs- und manchmal, wie im Fall von Haack, ihre Verdummungsstrategien in Gang zu setzen.

Warum gelingt es der Theologie der großen Kirchen nicht, die Auseinandersetzung mit den Untergangsvisionen der Gesellschaft aufzunehmen. Sind sie vielleicht selbst zu sehr Teil dieser Gesellschaft und freuen sich an den Visionen, weil sie glauben darauf eine Antwort zu wissen. Diese Antwort will niemand hören. Es geht in diesem Kontext nicht um Antworten. Es geht um entsetzliche und existentielle Fragen.

Da jedoch die Theologen wie Religionsverwalter meistenteils nur Antworten bereithalten, ist natürlich jede konkurrierende Antwort von Übel. Insofern ist die Reaktion der Kirchen auf Konkurrenzantworten verständlich und ihre Schweigsamkeiten in Sachen Anfrage ebnso.

Bürgerliche Theologie und Religion ist längst dem Fortschrittsdenken ebenso verpflichtet wie weite Teile der Gesellschaft selbst. Die Entfernung von der Form jesuanischer Dissonanz mit Gesellschaft macht sich bemerkbar als eine Form der zufriedener Involviertheit in Gesellschaft, die ein Eingehen auf gesellschaftskritische Fragen kaum noch möglich werden läßt.

Bei Küng z.B. findet sich zu Zeiten der Friedensbewegung und auch nachher eine ausgesprochene Adaption gesellschaftlicher Untergangsvorstellungen. Das Handeln, die Orthopraxie, wie Metz es nennt, ist nicht Sache bürgerlicher Religion. Da aber die Konventionen der Sinnbestimmung der realen gesellschaftlichen Ängstigung davon laufen, bleibt am Ende nichts mehr zu sagen als: Ihr habt recht! Retten wir den Untergang, dann hat das Christentum Zukunft.

Die Kirchen selbst sind längst viel zu institutionalisiert, als daß sie zur rechten Zeit mit entsprechenden Verkündungen an die Öffentlichkeit treten könnten. Die offiziellen Verlautbarungen kommen immer etwa 20 Jahre zu spät. Aber das ist wohl das Schicksal aller Groß-Organisationen.

Es geht hier nicht um Kirchenkritik. Es geht darum, daß die Kirchen, gleichgültigh ob katholisch oder evangelisch, den Kontakt zur Realität verloren haben. Allenfalls die Fragen des Bürgertums beschäftigen noch. Im Blick auf die Untergangschiffren wird nichts gesagt. Vielleicht ist hier nicht einmal Erkenntnis vorhanden.

Es werden weiterhin die alten Zeremonien gepflegt für die gleichen Menschen, die Sehnsucht nach Morgen und die Hoffnung auf Erlösung, die diffuse Sehnsucht nach einer nicht untergangsbezogenen Religion finden nicht nur kein Gehör, sie gehen unter im Gewusel kirchlicher Verwaltung und pastoraler Beschränktheit (Stichwort Kerngemeinde).

Wohl gibt es auch innerhalb der Kirchen Menschen, die genau dieseFragen angehen, denen auch nichts anderes übrig bleibt: Die Aids-Seelsorger zum Beispiel oder die Betriebsseelsorger, die sich mit dem realen Untergang von Lebensperpektiven zu beschäftigen haben. Aber ihnen wird nicht in der kirchlichen Allgemeinheit mitgedacht. Sie sind alleingelassen und können allenfalls auf Duldung hoffen.

Gerade jene kirchlichen Dienst, die am ehesten breite gesellschaftliche Wirkung entfalten können wie etwa Jugendarbeit und Erwachsenenbildung werden am ehesten mit Mißtrauen beobachtet, weil sie zu einem Großteil vor der Kirchentür stattfinden und eben den Untergangsphantasien und -ängsten lauschen müssen.

Die Praktische Theologie jedenfalls, die hier eigentlich ihren Ort finden sollte, hat in Bezug auf die Untergangsängste und -Phantasien weitgehend versagt. Sie beschränkt sich auf Missionierung und Katechese. Allenfalls die Fundamentaltheologie leistet hier - auch vor Ort - noch ein wenig und stärkt die in der Untergangsvision sich abzeichnende Suchbewegung in der Weise, daß das Suchen vielleicht zu sich konkretisierenden Frage finden und damit praktisch werden kann.

 

5. Was ist noch möglich? - Kein Rezept!

Zuallererst scheint es notwendig zu sein, Untergangsstimmungen, Chiffren für Untergang überhaupt, differenziert wahrzunehmen. Auch im Blick auf Untergangschiffren tut eine Unterscheidung der Geister not.

In jedem Fall ist dann zu analysieren, ob es hier tatsächlich und redlich um Untergang geht oder ob das Sprechen vom Untergang seinerseits Chiffre für eine tieferliegende Spannung, ob sie also lediglich Symptom ist.

In all den Fällen, in denen ess sich dabei um Symptome handelt, zumeist wohl um eine Form von Komplexitätsreduktion oder auch diffusem Schuldgefühl, gilt es diesem tieferliegenden Phänomen nachzugehen und es zu bearbeiten. Solange wir dabei auff der Ebene der Metapher oder des Mythos bleiben, ändern sich vielleicht die Lebensdeutungsmuster der betroffenen Menschen für eine Zeit, aber politische bzw. gesellschaftliche Konsequenzen ergeben sich nicht. Denken ist angesagt, wenn Änderung statthaben soll.

In einem anderen Zugriff wird es darum gehen müssen, Geschichte neu zu deuten. Vielleicht ist es notwendig, dem Phänomen der Untergangschiffren mit einem neuen eschatologischen Bewußtsein entgegenzustehen. Offensichtlich spielt Religion - im Augenblick eher der diffusen Art - in dieser Gesellschaft eine kaum erforschte bedeutsame Rolle und ist nicht einfach ein obsoletes Relikt aus voraufgeklärten Zeiten, wie manche Religionssoziologen meinen. Diffuse Religiosität allerdings spielt in der Tat eine eher bedenkliche Rolle. Wenn von Religion die Rede ist, dann von einer, die dem Menschen aus dem Bewußtsein seiner Endlichkeit Wege der Befreiung ermöglicht. Nichts anderes kann Religion sein - jedenfalls im abendländischen Kontext - als die Versöhnung des Menschen mit seiner Begrenztheit und die Intonation einer Hoffnung, die mit planem Fortschrittglauben nicht das Geringste zu tun hat, einer Hoffnung, die sich selbst als Geschenk zu erkennen gibt, und die auch um Zukunft als um eines begrenzten Handlungsspielraumes für die Menschheit weiß. Das Anerkenntnis der eigenen Endlichkeit macht zudem auch die Anerkennung eigenen Schuldigwerdenkönnens möglich. Wo menschliche Schuld als solche sich zu erkennen gibt und anerkannt ist, wird erst Veränderung oder biblisch gesprochen Umkehr möglich. Wo aber Umkehr stattfindet (s. Jona) bedarf es des Untergangs als Drohung nicht mehr.

Christliche Religion könnte in diesem Zusammenhang eine zentrale Bedeutung fürs Menschsein gewinnen, wenn es gelänge, sie aus dem Geruch der Verwaltetheit und des Totalitarismus zu lösen. Allerdings wäre es dann wohl ein anderes Christentum als das heute kirchlich vorgezeigte: Unorthodox und gleichermaßen der eigenen Tradition verpflichtet wäre ein solches Christentum wieder integrationsfähig für andere Weltdeutungsmuster. Und vor allem wäre es sich seiner eigenen messianischen gestalt bewußt und wüßte auch aus den apokalyptischen Schriften um die kosmische Dimension sowohl der Untergangsszenarien wie am Ende auch der Rettung. Ein solches Christentum käme nicht ohne ein Bündnis mit der Ökologie aus. Im konziliaren Prozeß gab es Ansätze zu einer solchen Entwicklung. Gerechtigkeit, Frieden und Nähe zu Mitgeschaffenen nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Herzen und Händen: Das würde unredlichen Untergangsphantasien ein Ende bereiten und Befreiung nicht nur intendieren sondern auch ansatzweise herstellen können. Und vielleicht und als Geschenk wäre das der Weg zu einer mit sich selbst befriedeten Menschheit, zu mit sich selbst befriedeten Menschen. Wer weiß -

Michael Krämer