Michael Krämer

DER SÜNDENFALL

Als Gott Adam und Eva gemacht hatte, brachte er sie in einen Garten und sagte zu ihnen: "Hier könnt ihr leben, ihr habt genug zu essen, die Bäume tragen Früchte, auf dem Boden wächst Gemüse ... " und Gott zeigte den Menschen, wie man Orangen mit den Fingern schält, wie man Pfirsiche pflückt und wie man Bananen ißt.Dann ließ er die Menschen allein und ging davon.

Adam und Eva saßen im warmen, weichen Gras, die Sonne schien, und ab und zu kam ein Tier vorbei, mal war's ein Löwe, mal ein Schaf. Es schaute den Menschen tief in die Augen. Dann trottete es wieder davon.

"Ach, was ist das langweilig hier", sagte Eva zu Adam. "Hast Du vielleicht eine Idee?" Adam, der auch nicht so recht wußte, was sie tun sollten, sagte zu Eva: "Ich könnte dir vielleicht eine Banane holen, mit der könntest du ein wenig spielen, und dann könntest du sie vielleicht aufessen."Eva schnaubte unwillig: "In den letzten drei Tagen hast du mir schon 37 Bananen geholt. Alle mußte ich essen. Ich fühle mich selber schon ganz Banane. Du bist ja auch total langweilig, Adam, dir fällt auch nichts Neues ein. Ich glaub, ich such mir einen andern, der etwas witziger ist. Ich hab da neulich einen Gorilla gesehen, der sah gar nicht so schlecht aus ..."Adam lachte nur und sagte: "Haha, und was meinst du, was der den ganzen Tag macht? Na? Bananen fressen ..."

Gott machte sich über die Menschen so seine Gedanken: "Mit irgend etwas muß ich sie beschäftigen", dachte er. Und weil er ein recht guter Menschenkenner war, hatte er auch bald seine Vorstellungen, wie der Langeweile abzuhelfen sei.

Am nächsten Tag ging er ins Paradies, geradewegs zu Adam und Eva, die wieder mal maulend im Gras saßen. "Ich hab noch vergessen euch was zu sagen, sagte Gott. Mitten im Garten steht ein Baum, ihr werdet ihn schon von weitem erkennen, ersieht ziemlich gut aus. Von dem Baum dürft ihr nichts essen.Wenn ihr von dem eßt, werdet ihr zwar hinterher keine Langeweile mehr haben, aber es wird euch dreckig ergehen: 1. schmeiße ich euch aus dem Paradies und 2. wird euch dann klar sein, daß ihr sterben müßt, und das ist nicht besonders lustig, das kann ich euch sagen."Dann ließ Gott die Menschen wieder allein.

"Hast du gehört, Adam", frage Eva, "wenn wir von dem Baum essen ist uns nicht mehr langweilig. Komm wir schauen uns mal an, wie der Baum aussieht."Adam machte ein ziemlich bedenkliches Gesicht: "Was du immer für Ideen hast", sagte er zu Eva. "Tagsüber willst du keine Bananen mehr, nachts läßt du mich nicht schlafen, und dann denkst du dir lauter so Sachen aus ... Und jetzt willst du zu dem Baum. Ich seh schon Schlimmes auf mich zukommen."

"Nun sei doch kein Frosch, Adam. Du bist ja so totlangweilig. Es ist wirklich traurig, daß ich einen so langweiligen Mann habe. Vielleicht sollte ich es doch mal mit dem Gorilla ...""Also gut", seufzte Adam, "gehen wir." Und dann marschierten sie los.

Schon bald sahen sie in der Ferne den Baum. Und als sie ihn zu Gesicht bekamen, hatten Sie auf einmal ein ganz kribbeliges Gefühl im Bauch."Guck mal, wie toll der Baum aussieht", sagte Eva. "Ich kann schon verstehen, daß Gott uns da nicht dran lassen will." Adam faßte Eva bei der Hand und meinte: "Komm, laß uns schnell abhauen, ich habe ein ganz komisches Gefühl. Und überhaupt, Eva, du siehst auf einmal so anders aus, nicht daß mir das nicht gefiele, aber das ist bestimmt auch verboten." "Ach, Quatsch", sagte Eva, "jetzt laß uns doch erst mal näher hingehen."

Als sie unter dem Baum standen, die vielen bunten Früchte sahen, war Eva fasziniert. "Hier ist es wirklich nicht langweilig", sagte sie, "allein das kribbelige Gefühl, spürst du das auch, und dann schau dir mal diese wunderschön-häßlichen Aben an." "Was soll ich mir anschauen?" fragte Adam etwas dümmlich. "Na, diese Aben da", lockte Eva, "diese Früchte, ich hatte auf einmal das Gefühl, daß die Aben heißen. Ich hab eine Idee", sagte Eva, Adam stöhnte, "du mit deinen Ideen", aber schon hatte Eva ein winziges kleines Aben in der Hand, "das merkt Gott doch gar nicht, ob da so ein winziges Aben fehlt." Und sofort hatte sie hineingebissen, und sie sagte zu Adam: "So, jetzt bist du dran", und steckt ihm das restliche Abenstück in den Mund.

Kaum hatten beide ihr Fruchtstück heruntergeschluckt, da bemerkte Adam, daß seine Frau wunderschön und sehr aufregend war. Und Eva begann zu trällern: "So ein Mann, so ein Mann ..."Plötzlich stand Gott vor ihnen: "Das hätte ich mir ja denken können", rief er, "kaum sagt man euch, was ihr nicht tun dürft, prompt tut ihr genau das."Heimlich grinste er in sich hinein: 'Sind ja doch tolle Menschen, die ich da fabriziert habe', dachte er."Raus aus dem Paradies", rief er dann. "Und seht zu, wie ihr klar kommt, jetzt seid ihr auf euch selber angewiesen. Und damit ihr vor lauter Kribbeln im Bauch nicht das Arbeiten vergeßt", bei diesen Worten riß er ein paar große Blätter vom Abenbaum: "hängt euch das um", und gab ihnen die Blätter.

Dann standen die Menschen plötzlich draußen vorm Paradies. Es regnete. Adam faßte Eva um die Schulter: "Deine Aben, haben wir ganz schön teuer bezahlt", grollte er leise. Eva schnurrte: "Wenigstens ist uns nicht mehr langweilig, und dann heißen die Aben eben jetzt - Abenteuer. Aber gib zu Adam: Ohne Abenteuer säßen wir heute noch im Paradies, hätten Langeweile und wüßten mit uns und der Welt nichts anzufangen."