Der Rasselkönig

 Vor langer Zeit, als die Töne und die Worte noch auf der Erde herumliefen und nicht in den Mund der Menschen gefunden hatten, lebte in einem fernen Land ein König. Niemand wußte, daß er ein König war, nur er allein, und er konnte es niemandem sagen, weil die Menschen die Sprache noch nicht von der Erde aufgesammelt hatten. Wenn ein Mensch dem anderen etwas sagen wollte, so mußte er erst auf die Wort-Jagd gehen.

Wollte etwa ein Mensch einem anderen sagen, daß er ihn mag, so mußte er erst einmal sein Wortfangnetz nehmen und losgehen und ein Herzwort suchen, dann mußte er es einfangen und dem Menschen bringen, dem er etwas Liebes sagen wollte, und der Mensch nahm das Wort in den Mund, und wenn er es verschluckt hatte, dann wußte er, was der andere ihm hatte sagen wollen.

 Und weil auch damals schon die Menschen gern miteinander sprachen, waren sie immer zu Menschen unterwegs um Worte zu fangen. Der König, von dem niemand wußte, daß er ein König war, hatte irgendwann ein ganz ungewöhnliches Wort gesehen und es sofort eingefangen, und weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete, nahm er es und schluckte es selbst herunter, und seitdem hatte er gewußt, daß er ein König sei.

 Aber niemals wieder hatte er ein solches Wort gefunden, und so konnte er niemandem sagen, was er wußte. Eines Tages hatte der König einen Traum. Er träumte, daß er einen Kasten mit kleinen Steinchen gefüllt hatte, und dann hatte er den Kasten geschüttelt und plötzlich waren Worte in sein Zimmer gekommen, und die Worte hatten getanzt und Ringelreigen gespielt, sie hatten sich an den Händen gefaßt und sich im Kreis gedreht. Ganz unterschiedliche Worte hatten zueinander gefunden und sich in lockerer Reihe miteinander verbunden, kurze und lange Worte, große und kleine.

 In der einen Ecke tanzten die Worte: "Leben macht Spaß" miteinander, in der andern Ecke drehten sich "Heute ist's lustig" im Kreis, und manchmal wechselten sie vom einen Kreis in den anderen und dann tanzten "Leben ist lustig" und "Heute macht's Spaß" miteinander oder auch "Spaß ist lustig" und "macht's Heute Leben". Und dann ging die Tür noch einmal auf, und herein kamen zwei Wortpaa- re, die anscheinend miteinander verheiratet waren: Rassel-König und Rassel-König traten ein und verneigten sich vor dem König, der immer noch sein Kästchen schüttelte.

In dem Augenblick wurde der König wach, weil ein Sonnenstrahl seine Augen gekitzelt hatte. Lange blieb er noch im Bett liegen und dachte über seinen Traum nach. Schließlich dachte er sich: Es schadet nichts, wenn ich versuche, ob der Traum mir die Wahrheit gesagt hat oder ob es ein Lügentraum war. Und so ging er hin, füllte ein Kästchen mit Steinen. Dann trat er auf den Marktplatz der Stadt, in der er wohnte und begann sein Kästchen zu schütteln.

 Zuerst kamen die Menschen aus den Häusern und schauten, wer da so ungewöhnliche Geräusche machte. Sie versammelten sich um den König, von dem immer noch niemand wußte, daß er der König war, und schauten ihm staunend zu. Und dann geschah etwas höchst Merkwürdiges: Über die Stadtmauer und durch die Stadttore, aus den Kellern und Kanälen kamen die Worte angetanzt, große und kleine, helle und dunkle, kurze und lange Worte, eine unendliche Anzahl war es, die da herangesprungen und herangehüpft kam.

Und die Menschen nahmen Wort um Wort, wie sie gerade kamen und schluckten sie herunter, bis ihnen die Bäuche schwollen und die Münder weh taten von all dem Schlucken. Und als zum Schluß noch einmal eine lange Prozession von Worten kam, waren die Menschen schon fast zu satt, um die Worte auch noch zu schlucken. Die Worte aber gingen auf den König zu und verbeugten sich vor ihm, wieder waren es die Worte Rassel-König, eine endlose Anzahl dieser Wortehepaare. Danngingen sie zu den Menschen und ließen sich von ihnen verschlucken. Und kaum hatten die Menschen sie verschluckt, so konnten sie sprechen, rufen und schreien:

"Rassel-König" riefen sie, "hoch lebe der

 Rasselkönig, unser Rasselkönig lebe hoch".

 Und ihr Land nannten sie von da ab "Rasselonien". Weil sie aber dem Rasseln die Sprache verdankten, feierten sie jedes Jahr ein großes Rasselfest, alle Kinder des Landes machten sich eine Rassel und rasselten den ganzen Tag durchs Land und schauten, ob sich nicht noch irgendwo ein paar Wörter versteckt hielten, die sie hervorlocken könnten.

Ab und zu verirrten sich einige Worte aus fremden Ländern nach Rasselonien und folgten dem Ruf der Rassel. Die Kinder verschluckten auch sie, aber wenn sie die später wieder aussprachen, konnte niemand sie verstehen. Die Rasselonier behaupten, daß so die Wissenschaftler entstanden seien.

Michael Krämer