Dr. Michael Krämer

 

 

Kurze Darstellung

der Sprach- und Literaturförderung in der offenen Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft nebst einigen Anmerkungen zu deren Perspektiven im Bildungswerk der Diözese und im Blick auf das Förderprogramm des Landes Baden-Württemberg (Orte für Worte)

 

 

 

Vorbemerkung

Als Dachorganisation der offenen Erwachsenenbildung in katholischer Trägerschaft in Württemberg führt das Bildungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart in erster Linie Weiterbildungsveranstaltungen für die eigenen (Haupt-, Honorar- und ehrenamtlichen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch. Auf diese Weise findet eine konzeptionelle, inhaltliche und qualitative Förderung der EB in katholischer Trägerschaft auf planerischer, didaktischer und methodischer Ebene statt. Dabei bekommt die Sprachförderung zunehmende Bedeutung.

 

Die Mitgliedeinrichtungen des Bildungswerks der Diözese, insbesondere die 24 Kreisbildungswerke, arbeiten auf dem Gebiet der Sprach- und Literaturförderung in unterschiedlicher und unterschiedlich intensiver Weise. Es gibt Veranstaltungen, die der unmittelbaren Literaturförderung dienen (Lesungen, Workshops, Buchvorstellungen), Seminare, die Kulturvermittlung (Kultur als Tradition, als Wahrnehmungs- und Artikulationsfeld) zum Ziel haben (Grundkurs literarische Allgemeinbildung, Literaturkurse für verschiedene Zielgruppen etc.), ebenso aber Veranstaltungen, die einen kreativen Umgang mit Sprache und sprachlichen Gestaltungen fördern (Erzählseminare, Märchenseminare, Schreibwerkstätten, Literaturworkshops etc.). Auch hier wird häufig zielgruppenspezifisch gearbeitet. Dabei haben sich eigene Veranstaltungsformen entwickelt (z.B. Erzählworkshops), die in ihrer Zielsetzung dem "creative writing" verwandt sind, auch wenn sie sich eigener Methoden bedienen.

 

Sprach- und Literaturförderung sind in der Arbeit des Bildungswerks der Diözese Rottenburg-Stuttgart deswegen eng miteinander verknüpft, weil Literatur als besondere und intensive Form von Praxis des Sprechens verstanden wird, der für die Entwicklung der Sprache die Bedeutung von Innovation, Katharsis und Ausweitung zukommt.

Daneben wird Literatur auch als Medium der EB gesehen, zu dessen Einsatz es eigener Kompetenzen und Methoden bedarf. Beides wird in den Weiterbildungsveranstaltungen des Bildungswerks vermittelt.

 

 

1. Literaturvorstellungen

Das Bildungswerk der Diözese führt in Kooperation mit Kreisbildungswerken und (Stadt-)Büchereien jährlich im Herbst 4 Wochenendveranstaltungen und ca. 15 Abendveranstaltungen zur Vorstellung literarischer deutschsprachiger Neuerscheinungen des Jahres durch. Dabei werden ca. 100 - bis 120 Bücher kommentiert und besprochen. Die Veranstaltungen sind begleitet jeweils durch eine kleine Buchausstellung, bei der die vorgestellten Bücher zur Ansicht ausliegen. Für die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die an diesen Veranstaltungen teilnehmen, gibt es neben den mündlichen Anmerkungen und eigenen Ausarbeitungen eine Sammlung von Kurzauszügen aus jedem Buch, so daß eine intensivere Auseinandersetzung möglich wird.

Daß ausschließlich deutschsprachige Autorinnen und Autoren vorgestellt werden, ist zum einen in der Konzeption der Literaturarbeit (s.u. Zwischenbemerkung) begründet, soll zugleich die mangelnde Werbung für diesen Teil der Neuerscheinungen zu kompensieren helfen und hat seine Ursache schließlich auch darin, daß eine Überprüfung der Übersetzungsqualität anderssprachlicher Literatur eine Überforderung darstellte, ohne diese ein Buch redlicherweise jedoch kaum besprechbar und bewertbar ist.

Es werden immer auch immer auch literarische Trends aus den vergangenen Jahren angesprochen und in ihrer Veränderung dargestellt, so daß sich ein Spektrum von Entwicklungen (Literaturgeschichte der Gegenwart) ergibt und zugleich Literatur (Literatur als Seismograph?! für gesellschaftliche Entwicklungen).in ihrer Reflexion gesellschaftlicher Zustände oder Aufbrüche sichtbar wird.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Veranstaltungen sind zu etwa 50% Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Büchereien und Buchhandlungen, hinzu kommen Hochschullehrer/innen, Lehrer/innen von allgemeinbildenden Schulen und Fachschulen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Erwachsenenbildung (auch nicht-kirchlicher Einrichtungen), Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Pastoral sowie (bei den Abendveranstaltungen auch) Interessentinnen und Interessenten. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtbücherei Stuttgart wird z.B. eine eigene Fortbildung jährlich durchgeführt.

Diese Veranstaltungsreihe hat inzwischen ein 10jährige Tradition und ein jährlich wachsendes Publikum und erfährt durch Presseberichte weitere Publikation, die auch Nicht-TN auf das ein oder andere Buch aufmerksam macht.

In den letzten Jahren zeigt sich, daß insbesondere im ländlichen Raum (Wangen i.A. [40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer] , Riedlingen [20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer], Hechingen [40 Teilnehmerinnen und Teilnehmer]) das Interesse an dieser Veranstaltungsart wächst.

 

 

2. Erzählworkshops

Der Hintergrund der Erzählworkshops ist die in Basisveranstaltungen gemachte Erfahrung, daß die Fähigkeit zum spontanen Erzählen mehr und mehr verloren geht, daß sowohl in Familien wie in Freizeitgruppen oder bei Veranstaltungen Erzählen als Kommunikationsform und als Kultur schwindet. Für eine (kultur-)kritische Analyse dieses Phänomens ist hier nicht der Ort. Um jedoch die Ziele dieser Workshops zu erläutern, sei der Hinweis gestattet, daß eine Sprache, der das Alltagserzählen (außer im Sinne des Witze- oder Sacherzählens) verloren geht, auf Dauer auch in den Worten geschichten- und also geschichtslos zu werden droht und schon jetzt oftmals nicht mehr Worte bereitstellt für die Geschichten der Menschen, die in ihr und mit ihr leben, so daß es häufig mühsamer und professionell begleiteter Prozesse bedarf (Therapie/Beratung etc.), um Menschen zu ermöglichen, die eigene Lebensgeschichte sprachlich wieder zu (er)finden.

Die Erzählworkshops sind im allgemeinen dreiteilig: Sie beginnen mit einfach strukturierten Kindergeschichten, gehen über das Arbeiten mit vorfindbarem Material (Verfremdungen) zu Legenden, Sagen und Märchen, wobei es ebenfalls um kreatives Gestalten mit vorfindbaren Motiven und Strukturen geht, bis zum fiktionalen und lebensgeschichtlichen Erzählen und zum biographischen Schreiben. Neben diesen Grundworkshops gibt es Weiterbildungen für ErzieherInnen, LehreInnen etc.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Workshops sind zum überwiegenden Teil (ca. 85%) im pädagogischen/EB-Bereich tätig (z.B. AltenkreisleiterInnen, FamilienkreisleiterInnen, auch HochschullehrerInnen und Menschen, die einen Weg ins Schreiben suchen).

Die Workshops finden seit ca. 5 Jahren regelmäßig statt und werden in verschiedene Ausbildungsgänge zusätzlich integriert.

 

 

3. "Psalmisches Sprechen"

Auch wenn der Titel einen eher religiösen Bezug nahelegt, geht es in dieser Veranstaltungsart (zweiteilig) nicht zuerst um Biblische Psalmen, sondern um bestimmte Formen bildlichen Sprechens mit hohem emotionalen Anteil.

Hintergrund dieser Arbeit ist die Erfahrung, daß (wie auch immer entstandene) Sprachlosigkeit sich nicht durch Begrifflichkeiten auflösen läßt, sondern zuallererst nach identitätsförderndenden und zugleich distanzermöglichenden Bildern sucht. (Der Begriff "Psalmisches Sprechen" stammt von der Literaturwissenschaftlerin und Theologin Dorothee Sölle).

In diesen Veranstaltungen geht es gleichermaßen um die Analyse von älterer und zeitgenössischer Lyrik, insbesondere ihrer Wirkungsweise und jeweils neuen Sprechmethode, deren Auswirkungen auf die Alltagssprache und das eigene Sprechen wie im zweiten Schritt um die Ausweitung der eigenen sprachlichen Bildfähigkeiten, des Verstehens von Bildern, der Sensibilisierung für Bildsprache und der Sensibilisierung und Erweiterung der eigenen kommunikativen Kompetenzen.

Diese Arbeit ist zur Zeit im Stadium nascendi, und geht auf ausdrückliche Bedürfnisanmeldung von Teilnehmerinnen und Teilnehmern anderer Literaturkurse zurück. Erste Versuche zeigen einen starken Bedarf und ein wachsendes Interesse an dieser Art der Arbeit.

 

 

4. Literatur als Medium der EB (Literaturworkshops)

Literaturrezeption ist das eine, und notwendige Voraussetzung für die eigene sprachliche Sensibilierung. Der professionelle Umgang mit Literatur in Veranstaltungen setzt allerdings auch Kenntnisse und Fähigkeiten voraus, die nicht jede(r) Referent/in aufgrund ihrer/seiner Ausbildung mitbringt.

Hier setzen die Literaturworkshops ein, indem sie zu bestimmten Themen, Zielgruppenfragen oder inhaltlichen Feldern Texte vorstellen, Einsatzmöglichkeiten erproben und Methoden der Arbeit trainieren. Ziel ist dabei, auch in nicht-literarisch orientierten Veranstaltungen, die Chancen der Literatur zu nutzen und neben der sprachlichen Gestalt auch die inhaltliche Botschaft der Literatur zur Kenntnis zu nehmen. Dabei bleibt immer auch zu berücksichtigen, das Literatinnen und Literaten auf Sachgebieten keine originäre Kompetenz in Anspruch nehmen können, die aus der Sache selbst resultiert, sondern die Sache neue Dimensionen ausschließlich aus der eigenen sprachlichen Gestaltung gewinnt.

Diese Veranstaltungen werden sowohl als Wochenendveranstaltungen, wie auch als (Reihe von) Abendveranstaltungen angeboten. (Partnerschaft, Arbeit, Tod etc. in der Literatur, Literatur nach der Shoah, Literatur und Religion, Die Bibel in der Gegenwartsliteratur, Paarsprache in Literarische Texten, Literatur als Kochbuch, Literatur im Kontext Beratung und Therapie, etc.).

 

 

Zwischenbemerkung

Bei der Literatur-Arbeit im Kontext der Erwachsenenbildung geht es nicht nur um die Befähigung zur Teilnahme an einer alten und teilweise gesellschaftskonstitutiven Kulturtechnik, auch nicht nur um die Etablierung von Traditionszusammenhängen. Zum Teil stehen bei all den Veranstaltungen Rezeption und teilweise auch Artikulation im Vordergrund. Allerdings geht es um weit mehr: Es geht um die Förderung sprachlicher Wahrnehmung. Insofern Sprache Wahrnehmungs- und Konstruktionselement unseres Alltags und unserer Geschichte ist und nicht nur interpretatorisch sondern auch konstruktiv realisierend wirkt, ist die Förderung von literarischer und sprachlicher Bildung eine zentrale Aufgabe des Staates (um der Konstruktivität und Stabilität seiner selbst willen) und aller Institutionen, die an der sprachlichen Interpretation und/oder Erschaffung der Welt aus ihrer eigenen Grundlegung heraus hängen. Den weltanschaulichen/religiösen Institutionen kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Bei Strafe ihrer Selbstennuierung (gegenwartsdeutsch: Vernullung) dürfen sie diese Form des Arbeitens nicht - und gerade in Krisensituationen nicht - vernachlässigen. Und das ist als Aussage im kassandrischen Sinne gemeint.

 

 

5. Perspektiven für die Literaturarbeit im Bildungswerk der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Insofern Literatur eine Form menschlicher Artikulations- und Wahrnehmungsfähigkeit anspricht, ist für die Zukunft geplant, eine Integration verschiedener Kultur- und damit Wahrnehmungs- und Artikulationsbereich zu versuchen.

Dabei wird es zum einen um traditionelle Formen einer Verbindung von Bildender Kunst, Musik und Literatur gehen (Ansätze einer Vermittlung von Bildender Kunst und Literatur werden seit einiger Zeit in Basisveranstaltungen erprobt), vor allem um einer Umsetzung solcher Integration in EB-Veranstaltungen. Zudem wird es zunehmend wichtiger, auch Gruppen von Menschen, die aufgrund ihrer Schul- bzw. Ausbildung eher ein horrendes Bild von Literatur haben ("Was will der Dichter uns damit sagen¼ ), an die Chancen, die Literatur für die eigene Identitäts-- und Sozialitätsgewinnung haben kann, heranzuführen. Auch hier sind erste Versuche seit zwei Jahren erfolgreich. Die Reflexion dieser Unternehmen und ihre Umsetzung in MultiplikatorInnen-Schulungen stehen noch aus.

Einer stärkeren Integration in die Erwachsenenbildung bedürfte auch die Theaterarbeit (als Gestaltungs-, Darstellungs-, Wahrnehmungs- und methodisches Element). Die bisherigen Ansätze laufen eher auf einer psychodramatischen Ebene.

Vor allem aber - und hier sind erste Überlegungen erst vorhanden - ist eine Zusammenführung von bisher eher disparaten Medien wie Literatur, Multimedia (interaktive Literaturerfahrung) und WWW/Internet (z.B. Story-Workshops im Internet, Multiplexe Erzählungen etc.) notwendig, zum einen um der Literatur auch dort einen vielbesuchten Ort zu schaffen, zum andern um auch jene, für die die neue Informationstechnologie faszinierend ist, an literarische und damit konstruktiv gestaltete Formen des Sprechens und sprachlichen Wahrnehmens heranzuführen.

 

 

6. Hinweis für das Förderprogramm des Landes

Die vom Wissenschaftsministerium aufgegriffene Initiative von Ministerpräsident Teufel, eine Lese- und Literaturförderung in diesem land zu initiieren, ist von der Tendenz her zu begrüßen. Auch die Absicht, vorhandene Initiativen, Institutionen und einschlägige Verbände zu vernetzen und so einen höheren Synergieeffekt zu erzielen, ist äußerst erfreulich, und sie ist (s.o.) Aufgabe staatlicher Einrichtungen.

Daß es einer stärkeren Einbindung der Schriftsteller(innen)-Verbände beispielsweise in die Weiterbildung bedarf, ist unbestritten. Wenn hier ein werbendes Miteinander auf alle Träger hin entstünde, wäre das schon ein Erfolg.

Ein weiteres Element der Vernetzung könnte sein, die Büchereien stärker auf Kooperationen mit den Trägern (und zwar mit allen, nicht nur den kommunalen) zu verpflichten. Sicher ist beispielsweise die Organisation von Lesungen eine ganz eigene Aufgabe von Büchereien und Bibliotheken. Sobald es aber um Vermittlungsformen pädagogischer Art geht, wäre aus Gründen der eigenständigen Kompetenz und des Erfolgs eine Kooperation mit entsprechenden Trägern sinnvoll.

Solche Vernetzungen und Kooperationen laufen bereits oder sind zumindest im Wachsen begriffen angesichts knapper werdender Finanzen. An diesem Punkt trägt Knappheit vielleicht sogar zur Konzentration und zur qualitativen Verbesserung bei.

Noch notwendiger aber wäre eine Vernetzung der verschiedenen Bildungssysteme in dem Bereich Literatur: Die wissenschaftlichen Hochschulen könnten vom Kontakt mit der Erwachsenenbildung in doppelter Weise profitieren: Sie würden an neueste Formen und Texte der Literatur informativ herangeführt, die sie in ihrer Weise weiter bearbeiten würden. Solche Kontakte laufen bislang eher auf persönlicher Ebene (z.B. Prof. Hoffmann TÜ), sollten aber institutionalisiert werden. Die EB könnte von diesem Kontakt in der Weise profitieren, daß sie auf neue Formen der Interpretation aufmerksam gemacht wird, Hintergrundinformationen bekommt und diese in ihrer Arbeit aufnehmen kann.

Auch Schule und EB könnten sich gegenseitig helfen: Die Schule könnte von der EB den spielerischen Umgang mit der Literatur lernen, und die EB könnte aus einer Einbeziehung von Lehrerinnen und Lehrern an inhaltlicher Kompetenz gewinnen.

Zu fragen ist auch, inwieweit es sinnvoll ist, literarische Element in andere (nicht literaturbezogene) Ausbildungs- und Studiengänge einzubeziehen (s.o. Zwischenbemerkung).

Schließlich wird es Orte und materielle Möglichkeiten geben müssen, um Literatur und neue Medien miteinander zu vernetzen.

Die Vorstellung, daß dies alles ohne den zusätzlichen Einsatz finanzieller Mittel möglich sein soll, ist auch angesichts der Sparmaßnahmen im Weiterbildungsbereich illusorisch. Solange der Kulturtopf zum bevorzugten Sparpotential erkoren ist, wird es hier einen Fortschritt nicht geben. Und zu glauben, daß ein Sparen in diesem Bereich nicht so spürbar sei, mag kurzfristig als Rechnung aufgehen, Auf Dauer ist ein Sparen in diesen Bereichen kontraproduktiv, weil es das identitätsstiftende, gemeinschafts- und damit gesellschaftsfördernde, und vor allem sprachspielerisch innovative und so kritische Potential von Literatur unterschätzt.

 

 

Nachbemerkung

Kultur - und damit auch Literatur - ist für Menschen, was für den Fisch das Wasser ist. Wer hier Verdunstung zuläßt, kann noch eine Weile ein sehr ergiebiges und aktives Zappeln sehen. Danach folgt nur noch Verwesung.