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"Deine Angst ist ins Leuchten geraten"

Angst - Sprache - Literatur

Eng. Enger. Angst. Angst und Enge, das sind etymolgisch verwandte Wörter: In diesem Sinne ist Angst zuerst eine Symptombeschreibung: "Das, was mir eng macht", was mir die Luft nimmt, mir den Herzschlag zerdrückt, die Kehle zuschnürt, was mich einbindet wie eine Mumie, daß ich erstarren muß, das mir den Atem verschlägt und die Sprache.

Das Wort "Angst" ist aber noch mehr als bloße Beschreibung des Symptoms: Im Bild der Enge und ihrem Gegenbild, das immer mitbedacht werden muß, erscheint Ursachenbeschreibung: Geängstigt engt mich offensichtlich etwas ein. Mir ist zu eng, oder ich bin mir zu eng geworden. Und so bekomme ich "Beklemmungen".Sofort stellt sich die Frage, wer oder was mich da mit "Klauen" gepackt hält, mag es doch auch schön sein, festgehalten zu werden.

Enge kann ja durchaus als positiv empfunden werden: Wo es eng ist, gibt es Nähe, naturgemäß aber auch unausweichlich. Wo es dagegen weit wird, wo ich mich weite oder es sich weitet, besteht die Gefahr, daß Nähe verloren geht. Angst ist beides: Das Erleben bedrohlicher Nähe wie bedrohlicher Weite. Wo ich eng lebe, kenne ich Weite nicht als Wert der Befreiung, vielmehr sorge ich mich, daß ich andere oder mich selbst verliere, weil die Enge mir Garantie des Zusammenhaltes, der Konsistenz von Ich, anderen, Werten und Weltbild ist. Die Enge ist eine erfahrener Garant. Der (drohende) Verlust der Enge provoziert die unaustilgbare Sorge um Beziehungslosigkeit, Verlorenheit, Ungeborgenheit, im Sozialgeflecht, vor meinem Wertehorizont, gar im Kosmos. Der oder das andere ist auf einmal nicht mehr der oder das Nahe, sondern versprengt, vereinzelt, fragmentiert, verloren, aufgegeben. Und bei all dem bin ich am Ende der Verlorene, Aufgegebene, der sich selbst nicht mehr wiederfindet, der sich ausgeliefert, verloren hat, der ein Niemand wird, weil niemand da ist, der ihn beim Namen ruft, ansieht, weil er sich in niemandes Augen mehr spiegeln kann, weil er also nichtig wird, und nichts. Angst scheint etwas mit drohendem Verlust zu tun zu haben, und dabei ist es erst einmal gleichgültig, ob das, was ich da verliere mir zuvor gut oder schlecht getan hat. Angst hat offensichtlich mit Veränderung zu tun, mit der Sorge, daß ich in dem, was da anders werden wird, ganz und gar unter- oder verloren gehe.

Auch in der Enge kann ich mich ja verlieren und bin nicht mehr ich, bin gezwungen in etwas aufzugehen, das Nicht-Ich ist.

 

Angst entsteht so wohl in der Spannung von Enge und Weite, in mir oder außer mir - und so doch wieder in mir, individuell, sozial, manchmal sogar kosmisch oder mit einem Wandel der kosmischen Weltbilder zusammenhängend: Angst ist ein oftmals Resultat der kopernikanischen Wende in uns und außer uns.

Daß die Angst selbst wieder Angst machen kann, weil Angst ein auf Dauer und situativ unerträgliches Lebensgefühl ist, mag verständlich sein, erhebt jedenfalls die Angst zum zunehmend sich verabsolutierenden Lebenssystem, weil die Witterung für anscheinend bedrohliche - potentiell - Veränderung produzierende Lebenskonstellationen immer feiner und aufmerksamer wird.

Die Angst vor der Angst produziert also Herzens- und Halsenge bereits projektiv und perspektivisch und ist in der projektiven Vorwegnahme dessen, das vielleicht geschehen könnte, Stornierung von Leben überhaupt.

 

Als Ausweg aus dieser und jener Angst bietet sich die Rückkehr ins anscheinend Vertraute, in die Enge also, der Familie, des Klans, der Beziehung, der Augenblicksbegegnung¼

Das erhebt dann die Angst in ihrer ursprünglichen Form wieder zum System; denn obgleich ich genau diese Zusammenhänge schon als eng und beängstigend erfahren habe, als lebensbedrückend und beklemmend, kenne ich sie doch deswegen und weiß mit ihnen in gewisser Weise umzugehen. Und die größere Veränderung bleibt mir erspart.

Gesellschaftlich artikuliert sich solche Angst als Fundamentalismus und Sektierertum: Am schönsten war es eben im Paradies des Mutterbauches. Und was braucht es sonst zum Leben als die Nabelschnur. Auch die gerät zwar manchmal um kindliche Hälse - um erwachsene sowieso, weil die zu dick sind - aber Regression ist eine Form der Angstbewältigung, die wir in den uns je eigenen Formen von Erziehung und Sozialisation gelernt haben. Damals, jenseits der Geburt - Jenseits ist ein Wort der Erlösung - war die Enge Lust, und die Nähe des mütterlichen Herzschlags signalisierte Geborgenheit. Und seit der Geburt und mit ihr, als die Enge und Beängstigung des Geburtskanals zum erstenmal nur den Ausweg des erschreckenden Lichts und der Kälte ließ, wird jede Verengung für uns leicht zum Beginn des Entsetzens, zu der vielleicht tödlich endenden Anstrengung und zum Anfang allen Erschreckens. Das sind wir als Kinder: Angst aus der Ahnung immer blendenden Lichts, aus der Nötigung zum Schrei, der uns als Erwachsenen nicht mehr zur Verfügung steht, aus der Erfahrung von Kälte und Ungeborgenheit. Und die Verengung, das Engste, ist immer die Gefahr des Todes, des Nicht-mehr-Seins. Selbst jenseits aller unmittelbaren Todeserfahrungen liegt darin schon der Schrecken der Endlichkeit offen: Enge und Weite - und beides ein Schrecken: Wie sollen wir dazwischen leben? Aber auch: Wie sollen wir ohne das leben? Ohne Geburt gibt es naturgemäß weder Wachsen noch Entwicklung.

 

Atemwende. Wer zur Sprache geht, überschreitet sich selbst. Und was zur Spreche kommt, vermehrt sich um das Element seiner Deutung. Wo die Angst und wenn sie zur Sprache kommt, geschieht ein Zweifaches: Die Angst wird anschaubar und sie erfährt - unwillkürlich - Deutung. Die eben vorgenommene Verfolgung der Spur von Enge und Angst ist dafür Beispiel.

Wo Angst anschaubar wird, werden immer auch einige ihrer Wurzeln sichtbar. Ich bekomme zumindest eine Ahnung davon, welche Enge, welche Weite, welcher Verlust als bedrohlich erscheinen. Eine Ahnung deswegen, weil die Angst Tarnkappen aufsetzt, das ist ihr Prinzip, sie will sich verbergen, weil sie im Leben sonst keinen Platz behält, denn wer will sich schon gern ängstigen, und wer, wenn er sich ängstigt, will es nicht zumindest verstecken, wenigstens nicht sagen müssen, oder wenn es schon unumgänglich ist, sich zu äußern, dann so, daß die Angst nicht als Angst bemerkbar wird. Die Tarnkappen der Angst haben Märchencharakter: Angst äußert sich in Bildern, die dennoch betrachtbar sind, in Metaphern und Wortschöpfungen, die der Sprache des Traums verwandt sind. Und so können sie, ganz unaufgeklärt scheinend zunächst, doch Aufklärung finden, wenn der Betrachter so will und sich zu öffnen in der Lage ist.

Und das schon signalisiert das zweite Element des Zur-Sprache-Kommens von Angst: Die Metaphern, die Wortbilder deuten die Angst bereits im Blick auf eine bestimmte Ursache hin. Und wer sensibel ist für die tarnkappenhaften Bilder, mit ihrem Traumcharakter und ihrem Märchenstatus, vermag vielleicht auch den Ursachen der Angst näher zu rücken. Wer die Sprache der Bilder versteht¼ , aber wie ist diese Sprache zu lernen? Die Sprache des Traums, die Sprache des Nicht- Bewußten, das aber seine Orte hat in der "langue", in der "parole".

Die Frage bleibt zunächst einmal offen. Sie vermehrt sich - im Kontext von Literatur und Angst - sogar um eine zweite: Welche Kompetenz haben Literaten und Poetinnen, belletristische Autorinnen und Autoren im Blick auf Angst, die sich von unserer aller Kompetenz unterscheidet? Sind wir nicht selbst am Ende die einzigen Experten für unsere Angst wie für unsere Träume? Welche Sonderqualifikation hat also der schreibende Mensch, Lyriker, Erzähler, Romancier?

 

All die Schriftstellerinnen und Schriftsteller haben inhaltlich keinerlei grundsätzliche Qualifikation auf ein Thema oder eine Problematik und Frage hin, die sich aus der Tatsache ihres Schreibens ableitet. Deswegen ist es auch unsinnig von der Literatur grundsätzliche Antwort auf Lebensfragen zu erwarten. Literatur läßt sich nicht an ihren Inhalten bewerten. Wenn jemand katholisch ist, wird das Katholische irgendeinen Ort in seinem Schreiben finden, wenn jemand lesbisch ist, wird das Lesbische ebenfalls einen Ort im Schreiben finden, und wenn jemand Angst hat, wird dies auch nicht unausgesprochen bleiben. Die Qualifikation des Literaten oder der Literatin besteht in der Sensibilität für Sprache und fürs eigene Sprechen. Und das ist der Ort, an dem wir nach Umgangsformen mit einem Thema, einer Frage, einem Sinnaspekt suchen können.

 

Das aber ist auch die Bedeutung, die der Literat und die Literatin gerade für die Bewältigung von Angst hat: Sie sprechen. "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide" (Goethe, Torquato Tasso). Nur stimmt das so auch nicht mehr: Das Sagen endet heute all zu oft im Verstummen oder im anscheinend Unverständlichen. Aber das Mühen der Schreibenden ist auf die Erweiterung der Sprache gerichtet, aufs bisher Unausgesprochene, vielleicht sogar der immer vergebliche Versuch, sie aufs Unaussprechliche hin auszudehnen.

 

Auch im Sprechen der Literatur kommt also Angst zur Sprache. Aber sie verweilt nicht im Davor, sie geht durch die Sprache hindurch, wie die Sprache durch die Angst hindurch geht. Literarisches Sprechen in diesem Sinn ist reflektiertes Sprechen, nicht naives. Es ist nicht einfach Verbalisierung, sondern Ringen um Worte und Wortzusammenhänge. Deswegen sind die Metaphern und Wortschöpfungen der Literatur dann keine Versteckspiele mit der Angst, sondern der Versuch, ihr einen sprachkonstitutiven Ausdruck zu geben.

Wer beispielsweise von Franz Kafka die Verwandlung, jene beklemmende Geschichte von Gregor Samsas Aufwachen in Käfernatur liest, wird nicht nur einfach in den Sog der dort sich aussprechenden Angst hineingezogen, er wird vielmehr merken, daß Angst mit Veränderung, schrecklicher "Verwandlung" zu tun hat und er wird von den Ursachen solcher Angst erfahren - nicht analyrisch, sondern implizit im Modell.

Oder - ebenfalls von Kafka, der auch als ein Schriftsteller der Angst lesbar ist - "Vor dem Gesetz": Die Angst vor der Entscheidung, vor der Gefahr des Unbekannten und Unerwarteten wird dort zur Sprache gebracht und am Ende erscheint die Aussage, daß die Überwindung, die Bewältigung der Angst die einzige Möglichkeit zu leben gewesen wäre.

Nicht die Angst selbst ist es ja, die das Leben unlebbar macht, sondern das In-ihr-Stecken-Bleiben.

 

Am intensivsten gehen Gedichte mit Sprache um. Deswegen sollen hier einige lyrische Texte aus den letzten 20 Jahren Auskunft geben über den sprachlichen Umgang mit der Angst in unserer Gesellschaft und unter Zeitgenossen.

 

Wörter

meine Fallschirme

mit euch

springe

ich

ab

 

Ich fürchte nicht die Tiefe

wer euch richtig

öffnet

 

schwebt

Horst Bienek

 

Das ist das Ziel lyrischen Sprechens: Wörter als Fallschirme zu öffnen. In der Büchnerpreisrede 1960 sagt Paul Celan das in anderer Weise. "Dichtung - das kann eine Atemwende sein¼ ". Eine Atemwende impliziert einen momentanen Stillstand des Atems. Und das ist es: Es geht dennoch weiter - und ändert dabei die Richtung.

 

Nelly Sachs berichtet in einem ihrer späten Gedichte von einer Kindheitserfahrung, die ihr im Wortsinn den Atem und die Sprache verschlagen hat: Die Heimsuchung ihres Elternhauses durch die GESTAPO:

 

Als der große Schrecken kam

wurde ich stumm -

Fisch mit der Totenseite

nach oben gekehrt

Luftblasen bezahlten den kämpfenden Atem

Alle Worte Flüchtlinge

in ihre unsterblichen Verstecke

wo die Zeugungskraft ihre Sterngeburten

buchstabieren muß

und die Zeit ihr Wissen verliert

in die Rätsel des Lichts -

 

Daß Angst stumm machen kann, daß sie die Kehle zuschnürt, darauf wurde oben bereits hingewiesen. Die hier verwandte Metapher vom Fisch ist allerdings verdoppelt: Der Fisch ist ja bereits stumm, so taucht er in unserm gewöhnlichen Sprachrepertoire auf: Hier wird er weiter besprochen: "Mit der Totenseite nach oben gekehrt", was im "Kehren=vollkommen wenden" eine revolutionäre Wende einer Situation beschreibt, ist mit dem Wort "Totenseite" nicht nur als natürliches Stummsein, sondern als gewalttätiges Verstummenmachen benannt. Auch das "Nach Atem ringen" wird benannt. Und dann wendet sich das Gedicht der Arbeit der Worte zu: Als Flüchtlinge werden sie gekennzeichnet, aber weil die Sprache (im Sinne von langue) das Individuum und seine Situationen überschreitet, heißen die Verstecke unsterblich. Und die geradezu kosmische Regenrationskraft der Sprache findet ebenfalls Ausdruck wie auch das Rätselhafte, das Worte annehmen können, bevor sie sich wieder der Deutung öffnen.

 

Anderswo wird Angst dann auch zum Motor der Handelns, zugleich jedoch wird dort sichtbar, daß die bloß angstgetriebene Handlung noch die äußersten Ränder des Lebens versteinert:

 

Günter Kunert, Unterwegs nach Utopia I

 

Vöge: fliegende Tiere

ikarische Züge

mit zerfetztem Gefieder

gebrochenen Schwingen

überhaupt augenlos

ein blutiges und panisches

Geflatter

nach Maßgabe der Ornithologen

unterwegs nach Utopia

wo keiner lebend hingelangt

wo nur Sehnsucht

überwintert

 

Das Gedicht bloß gewahrt

was hinter den Horizonten verschwindet

etwas wie wahres Lieben und Sterben

die zwei Flügel des Lebens

bewegt von letzter Angst

in einer vollkommenen

Endgültigkeit

Die Bedeutung Utopias ist die der absoluten Wunscherfüllung, des Zu-Sich-Selbst-Kommens von Menschen und Leben. Insofern ist es das Ziel aller Sehnsucht. Wieder geht es in diesem Text um Sein oder Nichtsein: Das "Ikarische" verdeutlicht die Genialität und den Wagemut, die zur Erfüllung der Sehnsucht eingesetzt werden und konnotiet zugleich das Scheitern. Diese Sehnsucht wird in Bezug gesetzt zu den Extremen des Lebens: zum Lieben und zum Sterben, "die zwei Flügel des Lebens", die letzte Angst, die die Sehnsucht erfüllbar machen, die Lieben und Sterben vermitteln, die Utopia erreichen will, schafft indes genau das Gegenteil: vollkommene Endgültigkeit ist das Ende allen Bemühens und Lebens: Die Versteinerung der Angst zum einzigen Relikt davon, daß hier einmal gelebt wurde.

 

Es ist sehr viel Klage zu finden im Umfeld des Themas Angst. Klage ist aber immer ein Signal auf Änderungswillen hin; Klage ist der erste Schritt, der Beginn von Veränderung oder Überschreitung. Solange gesprochen wird, ist Überwindung und Bearbeitung des Zur-Sprache-Gekommenen möglich.

 

Werner Söllner, ein rumäniendeutscher Lyriker, und vielleicht einer der besten, die zur Zeit in deutscher Sprache haben, macht solche Klage ausdrücklich:

 

WAS BLEIBT

 

Das Haus der Welt ist schlecht gebaut,

ich lebe krumm und schief darin.

Ach Sprache meine stumme Braut,

sag mir, wo ich zuhause bin.

 

Hier steht ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch,

da ist noch Brot und dort ist Wein.

Was beibt? Versteinertes Gemisch

aus Sätzen vom Lebendigsein.

 

Der Sinn der Wörter ist die Haut,

die langsam auseinander fällt.

Ach, Sprache meine stumme Braut,

das Aug weint, was die Silbe hält.

 

Angst hat oft genug mit Heimat- und Beziehungslosigkeit zu tun. Brot und Wein, die ursprünglichen Garanten der Beheimatung - im literarischen Sinn (Hölderlin), im religiösen Sinn (Abendmahl) wie im alltäglichen Sinn (Brot als das Lebensmittel und Wein als Hinweis auf die Feier und das Rauschhafte) - werden bloß noch als Worte erlebt. Ich und Sprache (Braut) sind das letzte Beziehungsgeflecht, das noch fühlbar und erfahrbar ist. Aber die Sprache, deren Eigenstes es ist, zu sprechen und gesprochen zu werden, ist stumm. Und so vermag sie die Verortung nicht mehr vorzunehmen, die gegen die Angst helfen, die sie doch bearbeiten, verständlich machen, vielleicht gar überwinden sollte. Hier artikuliert sich die Angst vor der Verlorenheit in ähnlich verabsolutierter Weise wie die Angst vor der Sinnlosigkeit in dem vorherigen Kunert-Text.

 

Aus den gewohnten Lebenszusammenhängen herausgerissen zu sein, bringt immer auch die Angst vor dem Ich-Verlust mit sich. Die Texte von Herta Müller, Rolf Bossert, Richard Wagner, Klaus Hensel oder Werner Söllner zeigen das ebenso wie die Texte eines Paul Celan, einer Rose Ausländer oder Nelly Sachs: Ausländer und Celan übrigens auch ursprünglich rumäniendeutsche Autoren mit allerdings zudem dem noch jüdischen Schicksal der Shoah.

Richard Wagner macht solche Erfahrung deutlich in seinem Titelgedicht

 

SCHWARZE KREIDE

 

Ich verlasse die Ausstellung.

Ich, die Ausstellung verlassend.

Ich betrete die Stadt,

die mit schwarzer Kreide gezeichnet ist.

Schon bin ich darin

und bin mit schwarzer Kreide gezeichnet.

Ich mache einen Schritt,

und ich fürchte, mich zu verwischen.

 

Was auf den ersten Blick wie ein Gelegenheitsgedicht nach einem Ausstellungsbesuch aussieht, bekommt mit der vierten Zeile eine Wende: Die Stadt selbst ist nur ein Zeichen (vgl. das Vorausgegangene Gedicht von Söllner), zugleich ist sie aber auch "gezeichnet". Und das Ich verwandelt sich dieser im doppelten Sinn gezeichneten Stadt an. Und unter diesem Zeichen besteht die Gefahr des Ich-Verlustes: Ausschließlich in den Worten und Zeichen zu leben, ohne die Realität von Fleisch und Blut - oder um es mit Söllner zu sagen: Wo Brot und Wein nicht mehr eßbar, sondern nur noch Chiffren sind - droht Ich-Verlust.

Selbst wenn den Exilierten, den Heimatlosen als Heimat zunächst nur die Sprache bleibt, hat das doch Konsequenzen aufs Leben hin: Zeichen sind nur dann sinnvoll, wenn sie eitwas bezeichnen.

Wenn aber die Sprache das einzige bleibt, weil der Schrecken und die Angst alles andere gefressen haben, dann verliert auch sie irgendwann ihre Fähigkeit Menschensprache zu sein:

 

Fadensonnen

über der grauschwarzen Ödnis.

Ein baum-

hoher Gedanke

greift sich den Lichtton: es sind

noch Lieder zu singen jenseits

der Menschen Paul Celan

 

Sonne und Ödnis stehen sich gegenüber, aber die Sonne ist keine Sonne und die Ödnis ist von der Sonne nicht erhellt. Statt Bäumen wachsen dort Gedanken, aber Gedanken, die keine Gedanken sind, sondern den Charakter von Händen haben, wie das Licht kein Licht ist, sondern Ton: Die Sprache hat ihre Bedeutung verloren im bloß noch Zeichenhaften. Und in dieser Sprache sind keine Menschenlieder zu singen, es sind Lieder jenseits der Menschen in einer menschenleeren Sprache.

Dieses Gedicht ist die Beschreibung volkommener sprachlicher Bezugs- und Beziehungslosigkeit: Das Sprechen reicht nicht einmal mehr zum allernächsten Menschen. Dies geschieht offensichtlich dann, wenn die Sprache selbst, und zwar die Menschensprache, so verunstaltet und mißhandelt wurde, daß sie darin den mißhandelten und mißbrauchten Menschen zu gleichen beginnt.

Ein anderes Gedicht des gleichen Autors, ca. 5 Jahre später entstanden, macht dies deutlich:

 

Ein Blatt, baumlos,

für Bertold Brecht:

 

Was sind das für Zeiten,

wo ein Gespräch

beinah ein Verbrechen ist,

weil es soviel Gesagtes

mit einschließt.

 

Aus der brechtschen Kritik des Naturgedichtes angesichts sozialer, politischer Mißstände, die es zu benennen gelte, wird bei Celan eine Kritik am gewöhnlichen Sprechen, dessen wir doch so dringend bedürfen, weil wir uns darin nicht nur Nähe und Beziehung herstellen, sondern auch unsern Bezug zur Welt organisieren.

 

Der Verlust der Sprache, die auch bezeichnet, ist das eine, das Angst machen muß. Die Erfahrung, daß die Menschensprache sich für die Gestaltung von Neuem und Veränderung nicht mehr hergibt, ist dem meist vorausliegend, ängstigt aber auch. Daß Günter Kunert seinen letzten Gedichtband "Mein Golem" nennt, macht dies deutlich: Der Golem ist ein menschengemachtes, durch Sprache belebtes Wesen, aber es selbst ist ganz sprachlos: Auch Gedichte sind aus Sprache gemacht, aber Gedichte, die immer nur die Angst, das Sterben, den Ich- und Weltverlust gewahren (Unterwegs nach Utopia), werden davon infiziert, exemplarisch, wie unsere Sprache infiziert wird durch unsern Ich- und Selbstverlust: Sie spiegelt nicht nur unsern Umgang mit Mensch und Welt, sie wird davon auch verändert: Sie gibt sich nicht mehr her fürs Unfunktionale, Spielerische, fürs Beziehungs- und Bezugssprechen. Nicht die Sprache selbst geht verloren, aber ihre Worte stehen nicht mehr bereit für uns. Und so suchen wir dann Therapeuten auf, die uns die Worte wiedergeben sollen, die mit uns auf Wörtersuche, auf Sinnsuche gehen. Johannes Poethen, der Stuttgarter Lyriker hat das beschrieben:

 

Erfinden

 

Wenn es gott nicht gäbe

sagte der psychiater

man müßte ihn erfinden

 

also erfinden wir ihn

 

aber wie

nach unserm bilde

nach unser aller gedächtnis

nach den gesetzen

aber we

so sitz ich zuhause am sonntag

ob ich mich besinnen könnte

ob ich mich erinnerte

ob er mir einfiele

 

vielleicht ist es zu spät

oder zu fremd hier

 

vielleicht käme er sonst und sagte

fürchte dich nicht

 

aber nach all dem hörensagen

und wie wir uns heute so anstellen

 

wir müssen zum psychiater gehn

er müßte ihn erfinden

er müßte es tun

 

Gott ist ein Synonym für die Garantie, daß die Welt ihre Ordnung hat, daß also auch ich in Ordnung bin. Die Lyrik zwingt zur Genauigkeit der sprachlichen Beobachtung: Es handelt sich im ersten Satz um einen Konjunktiv. Die Frage, ob es Gott denn gibt, bleibt dabei unbeantwortet. Der Rest des Gedichtes geht dann allerdings davon aus, daß es Gott nicht gibt, ist also die Beschreibung einer Unsicherheitskonstellation - unter der Bedingung, daß Gott als Sicherheitsfaktor verstanden werden darf. Diese Unsicherheit bedarf aber, um lebensvernichtende oder -stornierende Situationen und Erlebensformen zu verhindern, einer inhaltlichen Auffüllung. Sie wird gestaltet nach den probaten und kindlich erlernten Mustern: Sonntags ist Gott Sache. Freizeitmäßig könnte er angesagt sein, in der Erinnerung (Sozialisation) müßte doch etwas auftauchen; Erinnerung, Nachdenken, biblische Redeformen - das alles hilft nicht mehr weiter: Es handelt sich hier um die Beschreibung einer Deutungsmusterkonstellation, die die eigene Lebenswelt nicht mehr trifft. Offensichtlich trifft auch nicht mehr die Sprache: Das "Fürchte dich nicht" und das "Hörensagen" weisen darauf hin.

Also bleibt nur der wiederholte Gang zum Psychiater, der im Konjunktiv verbleibt, wie die Frage nach der Existenz Gottes: Der Psychiater wird an die Stelle der göttlichen Existenzsicherung gesetzt, allerdings nicht wirklich, weil er dazu nicht in der Lage sein wird.

 

Angst vor Existenzverlust ist der Anfang dieses Textes, die Irrealität der Existenzkonstruktion durch andere (den Psychiater) das Ende: Was bleibt? Wir sind wieder bei einem früheren Gedicht: Das Haus der Welt ist schlecht gebaut. Und wer ist dafür verantwortlich? Ursachenforschung ist immer auch Forschung nach Verantwortlichem.

 

 

Sprache ist Wahrnehmung. Wenn in unserer Sprache so wenig Orte des Ichs und seiner Geschichte noch sind, so stellt sich die Frage, wie dies zu ändern und zu bessern ist. Die äußeren Umstände tragen nicht dazu bei:

 

Grenzwerte

 

Es braucht weniger, als du denkst:

drei Tage Schluckauf

eine kaputte Heizung

Vertauensverluste in Tokyo

Haarrisse im Primärkreislauf

Seekrankheit

Sauerstoffmangel

Zahnweh

 

Schon zählt das 21. Jahrhundert nicht mehr

Schon wird dir schwarz vor Augen

und du bringst es nicht fertig

diese Zeile zu Ende zu lesen H.M. Enzensberger

 

Da beginnt jemand zu erzählen, was ihn berückt was Gefährdung sein könnte, und das unterscheidet sich von den bisherigen Texten. Was kann geschehen, was ist geschehen, was wird geschehen, und wo ist mein Ort in diesem Geschehen.

Es werden die Irritationen des Alltags anerkannt. Es wird die politische und gesellschaftliche Situation anerkannt. Es wird die Tatsache bzw. die Möglichkeit der absoluten Störung anerkannt. All das wird benannt. Und in der Bennenung taucht zugleich die Aussage auf: Das will ich nicht. Keine Angst. Nur ein: So nicht. Zugleich aber Irritation.

 

Es gibt viele Texte die ähnlich strukturiert sind: Die Gegenwart als unmöglcher Ort des Lebens, kein Utopia wird gesucht, aber ein Morgen. Und sogar die Refelxion, was im jetzt hemmend ist auf Leben hin. Die Texte von Ulla Hahn (TS 7), Peter Härtling (TS 7), Kunert (TS 15 - 17) sind dafür ebenfalls Beispiele. Im Blick auf persönliche Ängste auch die Texte von Mario Wirtz (Aids-Thematik) (TS 25)

 

An dieser Stelle ergibt sich die Frage, was Literatur hier zu leisten vermag: Nicht im Sinne der Sinngebung, sondern im Sinn der Vorbereitung von Sprachlichkeit als Ausdrucksfähigkeit, auch als einem unserer wichtigen Wahrnehmungsinstrumente..

 

Wenn Sprache mehr ist als Kommunikationsmedium, wenn Literatur auch Schulung der sprachlichen Wahrnehmung intendiert und zugleich Konkretion dieser Warhnehmung ist, dann bleibt zu fragen, wo und wie sich im Rahmen der Gegenwartsliteratur dies findet.

Das kann nur in Ansätzen geschehen, weil es die erzählende Literatur, nicht die lyrisch rufende betrifft.

 

"Es wird wieder erzählt", war vor einigen Jahren der Jubelschrei der Literaturkritik. Erzählen ist in der Tat ein Antidot gegen Ichverlust und Sozialverlust und damit wider die Angst.

In Sten Nadolnys Roman " Selim oder die Gabe der Rede" finden sich folgende Anmerkungen dazu.

                Wenn es nur genügend Menschen möglich wäre zu erzählen und dabei die eigenen Schwächen, die Lebensniederlagen, Erniedrigungen und Selbsterniedrigungen, das Unwissen, Unvermögen und Versagen mitzuerzählen! Es würde dazu beitragen, die Gleichgültigkeit hinwegzufegen. (¼ )

                Erzählen ist innerer Wohnungs- und Städtebau. Es ist ins Zeitliche gewendete Architektur, schafft Grundlagen für alle Fragen und Entscheidungen, heilt von Demütigungen, macht sogar hin und wieder augenzwinkernd Fehlschläge zu Erfolgen. Vor allem ist es das große, das überragende Mittel gegen Einsamkeit.

                Wer eine Geschichte zu erzählen hat, ist ebenso wenig allein wie der, der einer Geschichte zuhört. Und solange es noch irgend jemand gibt, der einer Geschichte zuhören will, lohnt es sich so zu leben, daß man eine zu erzählen hat. Man könnte das eine "Geschichten-Währung" nennen ¼ Die Zigarettenwährung nach dem Krieg funktionierte auch für Nicht-Raucher, aber nur, weil es Raucher gab. Und auch Geschichten hört man oft allein mit dem Interesse derjenigen Menschen, an die man sie besonders gern weitergeben wird.

                Das Erzählen trägt uns wie die See den Seeman: nichts wird durch sie sicherer, nur er selbst.

                 

Angst zur Sprache, in Geschichten zu den Worten gebracht, verändert sich, verliert ihr Lebensstornierendes und wird zu dem, was sie sein soll: Zur Warnung, zur Mahnung der Achtsamkeit, zum Prüfstein meiner Entscheidungen, zum Ort der Verengung und Verdichtung meines Lebens, zum Beginn von Entwicklung.

 

Nelly Sachs schreibt in einem ihrer späten Gedichte:

 

Weine aus die entfesselte Schwere der Angst

Zwei Schmetterlinge halten das Gewicht der Welten für dich

und ich lege deine Träne in dieses Wort:

Deine Angst ist ins Leuchten geraten -

 

Ausdruck der Angst in der Träne, darunter ein ganz vorsichtiger und verletzlicher Gewinn an Sicherheit (nicht mehr "die zwei Flügel des Lebens, bewegt von letzter Angst", sondern:"Schmetterlinge¼ " Und dann wird der Ausdruck, der unartikulierte Ausdruck der Angst ins Wort gelegt. Damit wird die Angst sichtbar: Sie leuchtet. Das heißt: Sie wird in positivem Sinne sichtbar. Sie wird zum Anfang von Leben.

 

Bei aller Verhaltenheit: Diese Auskunft gibt uns die Literatur, indem sie so zu sprechen versucht..

Michael Krämer